Im norwegischen Dovrefjell können Reisende Moschusochsen in freier Wildbahn erleben. Erfahrene Guides ermöglichen beeindruckende Begegnungen mit den zotteligen Kolossen. Eine Reise in die vielfältige Hochgebirgslandschaft führt jedoch weit über das ikonische Tier hinaus zu Elchen, Wildrentieren, Wasserfällen und alten Pilgerwegen.
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Text: Roman Goergen
Tonnen menschengemachter Stahl stehen einem rund 400 Kilogramm schweren zotteligen Koloss aus der Eiszeit gegenüber. Es ist 1995 und Odd Morten Taagvold, Offizier in der norwegischen Armee und krisenerprobter UN-Blauhelm, beobachtet aus der Luke seines Leopard 1-Panzers einen Moschusochsen. Das Dovrefjell, eine offene Hochgebirgslandschaft im norwegischen Landesinneren, dient damals noch als militärischer Übungsplatz. Tier und Maschine treffen aufeinander wie Kontrahenten in einem Western – der Bulle versperrt dem Panzer den Weg, weicht keinen Zentimeter. „Ich dachte: Mal sehen, wer stärker ist“, erinnert sich Taagvold. Er lässt den Motor aufheulen. Der Moschusochse bleibt unbeeindruckt stehen. Zwei Minuten lässt er den Lärm über sich ergehen, dann nimmt er Anlauf. „Er kommt angerannt und rammt den Panzer mit seinen Hörnern“, erzählt Taagvold. Der Soldat zieht den Kopf ein, schließt die Luke und beobachtet durch die Sichtöffnung, wie der Bulle schließlich doch zurückweicht und davonzieht. „Wahrscheinlich mit Kopfschmerzen.“
Auch während der Brunft prallen Moschusochsenbullen frontal aufeinander, wenn sie um Weibchen kämpfen. Eine massive Stirnplatte schützt den Schädel, Nacken und Wirbelsäule federn einen Teil der Wucht ab. Der Zusammenstoß mit dem Panzer war eine Demonstration dieser Anatomie.
Vom Militärgelände zum Nationalpark
Drei Jahrzehnte später ist aus dem früheren Truppenübungsgelände der Kern einer geschützten Nationalparklandschaft geworden. Sie liegt in den Skanden, jenem Gebirgszug, der sich durch weite Teile Skandinaviens zieht. Oberhalb der Baumgrenze öffnen sich tundrenartige Flächen mit Gräsern, Weiden- und niedrigen Birkensträuchern – Nahrung für die Moschusochsen, die trotz ihres Namens enger mit Ziegen und Schafen verwandt sind als mit Rindern. Anstelle von Soldaten ziehen nun Wanderer und Naturreisende durch das Dovrefjell, und besonders die seltenen Pflanzenfresser locken Besucher aus aller Welt an. „90 Prozent unserer Gäste kommen wegen ihnen“, sagt Taagvold, der 2013 die Gebäude der Pension kaufte, in welcher er heute Gäste empfängt.
Trüffeln sind seltene Exoten? Nicht unbedingt. Gourmets kommen auch im Ahrtal auf den Geschmack und lernen, wie der Anbau der mysteriösen Köstlichkeiten selbst…
Moschusochsen gehören erst seit dem 20. Jahrhundert wieder zu dieser Landschaft. Mit der Erwärmung am Ende der letzten Eiszeit gingen geeignete Tundrenlebensräume zurück und Wald breitete sich aus. Modellierungen zufolge trugen Klima- und Vegetationswandel – wahrscheinlich im Zusammenspiel mit menschlicher Nutzung – zum Verschwinden der Moschusochsen aus Europa bei.
Der heutige Bestand im Nationalpark geht auf Tiere aus Grönland zurück, die ab 1947 im Dovrefjell angesiedelt wurden. Frei lebend sind sie auf dem Kontinent fast nur noch hier anzutreffen, hinzu kommt eine ganz kleine Gruppe im schwedischen Härjedalen. Der Bestand im norwegischen Park wird überwacht und bei ungefähr 200 erwachsenen Tieren gehalten. So bleibt die Population gesund, denn Krankheiten können sich unter anderem weniger leicht ausbreiten.
Drei Exemplare sind heute zum Grasen von den Bergen heruntergekommen und stehen nur wenige Hundert Meter von Taagvolds Pension entfernt. Autos stoppen, Menschen halten ihre Smartphones in Richtung der Tiere. Taagvold wird unruhig. „Wir wollen sie nicht so dicht bei den Menschen haben“, sagt er. Das gilt vor allem im Frühsommer, wenn Weibchen mit Kälbern in der Nähe sein könnten. Das Erlebnis von 1995 hat dem Soldaten Respekt vor den Moschusochsen beigebracht. Viele Besucher, sagt er, sähen dagegen nur eine Art ruhiges, langhaariges Rind vor sich. „Das größte Missverständnis ist, dass es eine Kuh ist, die man streicheln kann. Ist es nicht. Es ist ein Wildtier.“
Ein Schild mahnt daher, mindestens 200 Meter Abstand zu halten. Ausgewachsene Bullen wirken unter ihrem mähnenartigen Fell und mit ihrer Masse zwar schwerfällig, doch sie können im Sprint etwa 60 Kilometer pro Stunde erreichen.
Für Besucher ist es ratsam, einen erfahrenen Führer dabeizuhaben, der die sichere Distanz und die Regeln im Umgang mit den Tieren kennt. Das nimmt einer Begegnung mit Moschusochsen nichts von ihrer Intensität. Ein Guide erhöht sogar die Chance, die Tiere überhaupt zu finden, und er kann erklären, was an ihrem Verhalten zu erkennen ist. Johan Schønheyder ist ein solcher Experte. Er wuchs in der Region auf, sein Vater arbeitete bereits im Tourismus. Mit zwölf Jahren sah Schønheyder seinen ersten Moschusochsen, 1995 begann er mit den Führungen. Seitdem hat er Tausende Male nach den Tieren gesucht. „In all den gut 30 Jahren hatte ich höchstens zehn schwarze Tage“, sagt er. So nennt er die Ausflüge, an denen sich kein einziger Moschusochse gezeigt hat.
Sein Unternehmen heißt Oppdal Safari. Moschusochsensafari, Elchsafari, Fotosafari: Rund um Oppdal trägt fast jede geführte Suche nach Wildtieren diesen Namen. Doch mit einer typischen Afrika-Safari hat das wenig zu tun. Wer an Tiergruppen neben einem Geländewagen denkt, muss sich im Dovrefjell umstellen: Hier geht es zu Fuß über feuchten Boden und Geröll, während die gesuchten Tiere zunächst wie schwarzes Gestein am Hang aussehen.
Erste Spuren
Bei Kongsvoll zwängen sich die Driva – ein Fluss, der im Hochgebirge des Dovrefjells entspringt –, die Europastraße 6 und die Dovrebahn gemeinsam durch das Tal. Darüber öffnet sich das Fjell. Der Boden gibt unter den Schuhen feucht nach, wird dann steinig und unruhig. Zwischen grauem Geröll und Zwergsträuchern wachsen gelbgrüne Rentierflechten, Moose und braune Polster. Schneereste liegen auch im Juni noch in den Rinnen. Bäche ziehen durch die Ebenen, weiter oben stürzen Wasserfälle über die Hänge. „Fast wie Island“, sagt Schønheyder über das weitgehend baumlose Land. Aus der Entfernung wirkt es beinahe leer. Bäume, an denen sich der Blick orientieren könnte, fehlen, und die dunklen Körper der Moschusochsen verschwinden zwischen Fels und Schatten. „Wir haben sogar den Moschusochsenstein“, sagt der Wanderführer. Gemeint sind jene schwarzen Brocken, die aus der Ferne ruhenden Tieren ähneln. Schønheyder sucht deshalb nicht nur nach den Körpern der Moschusochsen. Sein Blick folgt Futterplätzen, feuchten Senken, Schneefeldern, Windrichtungen und den flachen Linien im Gelände, auf denen auch schwere Tiere vorankommen, ohne unnötig Kraft zu verlieren.
Die ersten Hinweise zeigen sich im niedrigen Bewuchs: Moschusochsenwolle. „Hier ist ein großes Büschel“, sagt Schønheyder und zeigt auf einen Ast. Es hängt wie ein dunkler Bart vom Zweig. Die Wolle fühlt sich überraschend weich an.
Moschusochsen tragen zwei Fellschichten: Außen hängen bis zu 60 Zentimeter lange, gröbere Deckhaare, die Wind und Nässe abhalten. Darunter liegt Qiviut, eine feine graubraune Unterwolle. Zusammen mit einer Fettschicht isoliert sie die Tiere gegen arktische Kälte. Im Winter reicht das lange Deckhaar fast bis über die Zehen. Steigen im Frühjahr die Temperaturen, wird die Unterwolle schnell zu warm. Sie löst sich von der Haut, die Tiere sehen zunehmend zerzaust aus und scheuern sich an Birkenstämmen, Sträuchern und niedrigen Ästen. Innerhalb von zwei bis drei Wochen verlieren sie nahezu die gesamte Unterwolle.
Was davon in den Zweigen hängen bleibt, sammelt nicht nur Schønheyder ein. Er gibt seine Funde an Elin Bretten weiter. Die ehemalige Lehrerin lebt in der Gegend und sucht seit 1975 jedes Frühjahr nach Moschusochsenwolle. Als die Herde noch aus wenigen Tieren bestand, waren ihre Funde entsprechend spärlich. Inzwischen kennt Bretten die bevorzugten Wege und Ruheplätze der Tiere. Aus den Fellresten stellt sie Mützen, Schals und Handschuhe her. „Moschusochsenwolle isoliert achtmal besser als Schafwolle“, betont Schønheyder. Diese Zahl wird auch von Kleidungsproduzenten häufig genannt, ist wissenschaftlich allerdings nicht ausreichend dokumentiert. Qiviut gehört zu den sehr feinen und wärmenden tierischen Fasern. Schon kleine Mengen erzielen hohe Preise. Selbst in Kanada und Alaska, wo wesentlich größere Moschusochsenbestände leben, kann ein Knäuel von knapp 30 Gramm rund 170 kanadische Dollar kosten, fertige Schals oder Stolen mehrere Hundert. Qiviut soll sogar schon für Astronautenkleidung der NASA verwendet worden sein, erzählt Schønheyder. „Zumindest geht diese Geschichte über die Wolle um.“ Sicher ist allerdings, dass auch die Tierwelt die feine Wolle schätzt: Drosseln und Ammern nutzen die weichen Fasern zum Polstern ihrer Nester.
Einige Schritte entfernt finden sich weitere Haare und frischer Dung. Das Tier bleibt unsichtbar, doch seine Spur führt mitten durch unseren Wanderweg.
Auge in Auge
Die frischen Spuren lenken unseren Blick zurück in die Weite. An der gegenüberliegenden Gebirgswand zeigt Schønheyder auf eine Schneerinne, darunter einen Wasserfall und eine gelbliche Grasfläche. „Ganz rechts am Rand liegen schwarze Punkte“, sagt er. Im Fernglas erscheinen zwar Schnee, Geröll und Schatten, aber keine Tiere. Weiter rechts, etwas tiefer, dem Wasserfall folgen: Schønheyder korrigiert die Blickrichtung so lange, bis sich fünf Moschusochsen aus dem Hang lösen. Ohne seine Anleitung wären sie schwarze Steine geblieben.
Später sehen wir einen der Moschusochsen aus der Nähe. Schønheyder erkennt das Männchen an seiner Größe und an der massiven Stirnplatte, wo die Hörner oben fast geschlossen zusammengewachsen sind. Vielleicht zehn Jahre alt sei der Bulle, noch kräftig genug, um eine Herde gegen jüngere Rivalen zu behaupten. Im Moment aber zupft er Gras und Knospen ab, kaut und hebt nur gelegentlich den Kopf. Der Wind fährt durch das lange Deckhaar.
„Die Männchen sind sehr faul“, sagt Schønheyder. „Elf Monate im Jahr leben sie für eine Sache: fressen.“ Erst in der Brunftzeit im Juli und August folgen einige Wochen, in denen sie Weibchen um sich sammeln und mit anderen Bullen kämpfen. Das Tier vor uns wirkt weder gereizt noch bedrängt. So bleibt Zeit, die geschwungenen Hörner, die kurze Schnauze und die fast bodenlangen Haarsträhnen zu betrachten. Darin liegt der Wert einer Führung: Schønheyder kann einschätzen, wann ein Tier ruhig ist und welche Distanz ihm diese Ruhe lässt.
Es wird wärmer
Wo sich die Moschusochsen im Nationalpark aufhalten, bestimmt der jahreszeitliche Kalender der Landschaft. Im Frühjahr bringen die Kühe ihre Kälber weiter unten im Tal zur Welt, wo der Schnee zuerst weicht und frisches Grün zwischen Birken und Weidensträuchern wächst. „Wenn es wärmer wird, wollen sie höher hinauf, dorthin, wo es kälter ist“, erklärt Schønheyder. Seit er vor mehr als 30 Jahren mit den Führungen begonnen hat, setzt diese Bewegung seiner Beobachtung nach früher ein: Der Schnee schmilzt eher, die Vegetation wächst zeitiger, und die Tiere ziehen schneller in Richtung der kühleren Hochlagen.
Forscher haben untersucht, wie sich die alpine Vegetation im Dovrefjell unter wärmeren Bedingungen verändert. Die Messdaten zeigten steigende Temperaturen und eine längere Vegetationsperiode; zugleich modifizierten sich Pflanzen- und Flechtengesellschaften. Für die Tiere verändern sich damit die Wege zwischen Futter, Kühle, Insekten, Parasiten und ungestörten Ruheplätzen. Schønheyder zeigt auf den Hang gegenüber, auf Schneefelder, die nach seiner Erfahrung früher länger liegen geblieben wären. Solche Bedingungen, sagt er, hätten vor einigen Jahren eher zu Ende Juni gepasst.
Auch Wildrentiere nutzen an warmen Tagen die Schneefelder, um sich abzukühlen und Insekten zu entgehen. Für den Naturschutz sind sie im Dovrefjell der empfindlichere Gegenpol zu den für die Besucher leichter zu sehenden Moschusochsen. Wildrentiere sind scheuer, schwerer zu finden und daher kaum ein verlässliches Beobachtungsziel für Safaris.
Anders als die halb domestizierten Rentierherden im Norden Skandinaviens, haben die Wildrentiere des Dovrefjells keine Besitzer. Sie ziehen frei zwischen saisonalen Weiden und Kalbungsgebieten umher. Fast der gesamte europäische Bestand dieser wilden Bergform lebt in Norwegen; auf der Roten Liste des Landes gilt sie als potenziell gefährdet. Straßen, Bahnlinien, Hütten und viel begangene Wege zerschneiden ihre Lebensräume oder halten die Herden von wichtigen Flächen fern.
Deshalb bleiben einzelne Gebiete während der Kalbungszeit zeitweise geschlossen. Auch Schønheyder darf seine Safaris nicht über bestimmte Grenzen hinausführen. Er akzeptiert, dass die Tiere Schutz brauchen, sieht aber einen Widerspruch: Organisierte Guides müssen Auflagen einhalten, während Einzelwanderer heruntergeladenen GPS-Routen folgen und sensible Bereiche betreten können. „Wir laufen nicht in eine Gruppe von Weibchen und Kälbern hinein“, sagt Schønheyder. Ein erfahrener Guide erkenne, wann eine Route geändert werden müsse. Ein Pfeil auf dem Smartphone könne das nicht.
Wildrentiere werden trotzdem weiterhin kontrolliert gejagt. Die Abschussquoten sollen verhindern, dass zu viele Tiere die begrenzten Weiden übernutzen, und eine ausgewogene Struktur der Herden erhalten. Die Auseinandersetzung lautet daher nicht Jagd oder Schutz, sondern: Wie viel ungestörten Raum braucht das Rentier, und welche menschliche Nutzung muss dafür weichen?
In Dovre entwickelt sich diese Frage schnell zu einem Konflikt mit Oslo. Viele Einheimische empfinden die weitreichenden Einschränkungen als Entscheidungen einer fernen staatlichen Verwaltung. Aus ihrer Sicht werden lokale Erfahrung und traditionelle Nutzung zu wenig berücksichtigt. Die Behörden verweisen dagegen darauf, dass sich auch kleine Störungen summieren und Wanderkorridore der Tiere langfristig verloren gehen können.
Händler, Jäger und Pilger
Menschliche Wege durchqueren das Dovrefjell seit Jahrhunderten. Während die Zerschneidung durch Straßen und Bahnlinien heute den Wildrentieren Probleme bereitet, zogen Händler und Jäger zu Fuß oder zu Pferd auf alten Wegen über die Hochfläche. Auch viele Pilger waren auf dem Weg zum Nidarosdom in Trondheim, der über dem Grab des heiliggesprochenen Königs Olav Haraldsson errichtet wurde und im Mittelalter zu den wichtigsten Wallfahrtszielen Nordeuropas gehörte.
Die Überquerung des Gebirges war lang und bei plötzlichen Wetterwechseln lebensgefährlich. Einer Überlieferung nach ließ König Øystein Magnusson deshalb im frühen 12. Jahrhundert Schutzhäuser errichten, in denen Reisende Wärme, Nahrung und Zuflucht finden konnten. Das moderne norwegische Hüttennetz geht nicht unmittelbar auf dieses königliche System zurück. Der Grundgedanke ist aber derselbe: Wer sich frei durch eine weite und unberechenbare Landschaft bewegen will, braucht verlässliche Schutzorte zwischen den Tälern. Heute wird die Route über das Dovrefjell-Gebirge bei Wanderern populärer, ähnlich dem Camino de Santiago in Spanien.
Eine häufige Gefahr für frühere Reisende im Hochgebirge waren Steinschläge. Sie kamen oft so plötzlich, dass gerade unter Pilgern die Vorstellung entstand, sie würden angegriffen.
Hier kommt die norwegische Folklore ins Spiel. Stine Mørk Kvamme, ausgebildete Theaterlehrerin und im Sommer Guide bei Oppdal Safari, liefert während einer abendlichen Fahrt durch die Täler um Oppdal eine Erklärung für die rollenden Steine: „Trolle können christliches Blut riechen.“ Pilger seien ihnen deshalb besonders verdächtig gewesen. Wenn plötzlich Felsbrocken auf ihre Wege stürzten, lag der Gedanke nahe, dass ein Troll nach ihnen geworfen hatte. In skandinavischen Legenden sind Trolle meist riesenhafte, unberechenbare Wesen, die in Bergen, Höhlen und Wäldern leben. Auch für die vielen in der Landschaft verstreuten Felsen hat Kvamme eine Antwort. Geraten Trolle ins Sonnenlicht, erstarren sie zu Stein oder zerbrechen in große Brocken. „Wie sollten all diese Steine sonst hierhergekommen sein?“, fragt sie schmunzelnd.
Wasser, Wald und Elche
Was die Trolle der Legende nach mit einem einzigen Wurf bewegen, schafft Wasser über Jahrtausende: Es formt das Gestein. Westlich von Oppdal fällt das Bergland zum oberen Sunndal ab. Dort wartet Emily Bakker. Die Kanadierin leitet den Outdooranbieter Opplev Oppdal und kennt die Umgebung vom Fluss aus ebenso gut wie von den Wanderwegen aus. Gemeinsam geht es vom Hof Jenstad hinunter nach Åmotan, einer tiefen Schlucht am Rand der Nationalparklandschaft Dovrefjell-Sunndalsfjella.
Dort hält die Gischt Moose, Farne und die steilen Hänge feucht. Leichter Regen fällt, zugleich dringt Sonne zwischen den Wolken hindurch; vor einem der Wasserfälle liegt ein niedriger Regenbogen in der Luft. Mehrere Flüsse treffen hier aufeinander und stürzen über verschiedene Felskanten in die Schlucht. „Es ist ein ziemlich einzigartiger Ort“, sagt Bakker.
Vor allem gefällt ihr der Gegensatz zu den offenen Hochlagen: „Von den hohen Bergen auf dem Dovrefjell, sehr felsig und nicht gerade üppig, kommt man zu diesem grünen Ökosystem am Wasserfall, das durch die Gischt entsteht.“ Nur eine kurze Fahrt trennt die kargen Weideflächen der Moschusochsen von diesem feuchten Schluchtenwald. Die Landschaft wechselt schneller, als sich ein festes Bild von ihr bilden kann. Auch am späten Abend bleibt sie in Bewegung. Bei der Fahrt durch die Täler liegt über den Feldern die graublaue Dämmerung der norwegischen Sommernacht. Richtig dunkel wird es Anfang Juni kaum.
Am Rand einer fernen Wiese zeigt Kvamme schließlich auf mehrere dunkle Gestalten. Zunächst sind es nur Schatten zwischen Wald und offenem Gras. Im Fernglas lösen sich lange Beine, schwere Schultern und große Köpfe aus dem Halbdunkel: Elche. Kvamme lässt den Wagen stehen, solange die Tiere am Waldrand zu erkennen sind. Dann zieht die kleine Gruppe langsam weiter, ein Elch nach dem anderen, bis ihre Körper wieder mit den Schatten zwischen den Bäumen verschmelzen. Noch einmal sind aus dunklen Formen Tiere geworden – und kurz darauf wieder Landschaft. //
Das Dovrefjell gehört zu den markantesten Hochgebirgslandschaften Norwegens. Einen guten Einstieg in die Reiseplanung bieten Visit Norway, Explore Trøndelag und die lokale Website von Oppdal.
Moschusochsensafaris sind ganzjährig möglich, aber für klassische Wanderungen, Tierbeobachtung, Rafting und längere Tage eignen sich besonders die Monate Mai bis September. Das Wetter im Dovrefjell kann auch im Sommer schnell wechseln. Feste Wanderschuhe, wetterfeste Kleidung, Wasser und Proviant gehören zur Grundausstattung. Fernglas und Kamera dürfen nicht fehlen.
Als Unterkunft eignet sich das traditionsreiche Oppdal Turisthotell in der Nähe des Bahnhofs. Zentral gelegen, ist es ein praktischer Ausgangspunkt für Touren ins Dovrefjell, nach Vang oder zu Outdooranbietern im Ort. Eine weitere zentrale Übernachtungsmöglichkeit in Oppdal ist das Quality Hotel Skifer.
Websites: oppdalturisthotell.com, skiferhotel.no
Anreise und Fortbewegung
Aus Deutschland gibt es saisonale Lufthansa-Direktflüge nach Trondheim, unter anderem ab München und Frankfurt. Flugtage und Frequenzen unterscheiden sich je nach Verbindung und Saison und sollten vor Buchung geprüft werden. Website: lufthansa.com
Von Trondheim aus geht es mit Bahn oder Bus weiter nach Oppdal, Hjerkinn oder Kongsvoll. Informationen zu Bahnverbindungen bietet SJ Nord. Website: sj.no
Als Ausgangspunkt für Moschusochsensafaris, Wanderungen, Rafting und weitere Outdooraktivitäten eignet sich Oppdal zwischen Trondheim und dem Nationalpark. Wer mehrere Orte im Dovrefjell flexibel verbinden möchte, ist mit einem Mietwagen gut beraten. Für die klassische Route Trondheim–Oppdal–Dovrefjell lassen sich aber auch Zug, Bus und geführte Transfers kombinieren.
Geführte Moschusochsensafaris in die offene Berglandschaft des Dovrefjells bietet Oppdal Safari an – im Sommer zu Fuß, im Winter auch mit Schneeschuhen. Die Elch-Touren von Oppdal Safari finden besonders im Sommer als Fahrt in den Abendstunden statt, wenn das Licht lange weich bleibt und die Tiere in den Tälern besser beobachtet werden können. Das Dovrefjell ist eine empfindliche Hochgebirgslandschaft. Besucher sollten sich unbedingt an Regeln halten und am besten an einer geführten Tour teilnehmen. Website: moskussafari.no/de
Wer sich in der Oppdal-Region nicht nur auf Tierbeobachtungen beschränken möchte, findet bei Opplev Oppdal weitere Naturerlebnisse wie Wildwasser-Rafting auf der Driva oder Ziplining. Website: opplevoppdal.no/en/activities
Das Oppdal Museum vermittelt einen kompakten Einstieg in die Kultur- und Siedlungsgeschichte der Region. Von dort lassen sich auch Führungen zu einem der größten vorgeschichtlichen Grabfelder Nordeuropas buchen: dem Grabfeld von Vang mit rund 900 Grabhügeln aus der Eisen- und Wikingerzeit. Website: oppdalsmuseet.no
Am Wild Reindeer Centre bei Hjerkinn geht es um die Landschaft, Wildrentiere und die Ökologie des Dovrefjells. Von dort führt ein kurzer Weg zum architektonisch besonderen Viewpoint Snøhetta mit Blick auf die Berglandschaft. Website: villrein.no/besucherzentrum/
Da viele Reisen ins Dovrefjell über den Flughafen Trondheim laufen, lohnt sich ein halber Tag in der Stadt. Zentral sind der Nidarosdom, die Altstadtbereiche am Fluss Nidelva und Cafés wie Sellanraa. Websites: visittrondheim.no, nidarosdomen.no, sellanraa.no
Die Gegend Trøndelag versteht sich auch als historischer Kern Norwegens. Wer mehr Zeit hat, kann Stiklestad besuchen, etwa eineinhalb Stunden nördlich von Trondheim. Dort fiel 1030 König Olav Haraldsson, später Olav der Heilige. Er wurde in Trondheim beigesetzt; über seinem Grab entstand der Nidarosdom; einer der Olavswege, der Gudbrandsdalsleden, führt durch Oppdal. Links: trondelag.com/de/historisches-trondelag, stiklestad.no, pilegrimsleden.no
Trondheim und Trøndelag sind zudem als European Region of Gastronomy bekannt und stark auf regionale Lebensmittel aus Meer, Fjord, Wald und Bergregion ausgerichtet.
glaubte nach etlichen Stunden im steinigen Dovrefjell, in den Felsen Trolle zu erkennen, die im Sonnenlicht zu Stein erstarrt waren.
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