Bereits Kleinkinder haben höher entwickelte soziale Fähigkeiten als Menschenaffen, auch wenn sie mit den Tieren bei kognitiven Aufgaben etwa gleichauf liegen: Sie lernen durch Anschauung und können sich in die Gedanken anderer hineinversetzen. Das schließen Leipziger Wissenschaftler aus einer Studie, für die sie die Denkleistungen von Schimpansen, Orang-Utans und zweieinhalbjährigen Kindern verglichen. Wenn Kinder einem anderen Menschen dabei zuschauen, wie er ein Spielzeug aus einem Rohr holt, machen sie es ihm nach, um auch an das Spielzeug zu gelangen. Affen dagegen beißen in das Rohr und versuchen, es zu zerstören. Ihnen gelingt es nicht, durch Beobachten auf die richtige Lösung eines Problems zu kommen. Wahrscheinlich sind die sozialen Fähigkeiten wichtig, um mit anderen Menschen erfolgreich zusammenzuleben, erklären die Forscher.
Die Wissenschaftler entwickelten einen speziellen Versuchsaufbau, an dem sie die Denkleistungen von hundert Kleinkindern, hundert Schimpansen und dreißig Orang-Utans überprüften. Dabei testeten sie nicht nur die sozial-kognitiven Fähigkeiten ihrer Probanden wie etwa ihr Vermögen, das Verhalten des Versuchsleiters zu deuten, um bestimmte Aufgaben zu bewältigen. Um herauszufinden, welche kognitiven Fähigkeiten den Menschen vom Affen unterscheiden, schauten sie auch nach den physisch-kognitiven Leistungen ? der Fähigkeit der Probanden, sich in ihrer Umwelt zurechtzufinden. Dazu untersuchten sie unter anderem das räumliche Vorstellungsvermögen der Versuchsteilnehmer.
Während die Affen bei den physisch-kognitiven Fähigkeiten mit den Kindern mithalten konnten, schnitten die Kinder bei den sozial-kognitiven Leistungen durchweg besser ab: Sie bewältigten 76 Prozent aller Aufgaben erfolgreich, die Affen schafften das dagegen nur bei 33 Prozent. Für die Forscher ist das ein eindeutiger Beweis dafür, dass nur der Mensch höhere soziale Fähigkeiten besitzt. Diese sogenannte Kulturintelligenz ermögliche es den Menschen erst, in einer Gesellschaft zusammenzuleben, in der sie mit anderen kooperieren müssen, erklären die Wissenschaftler.
Einen erstaunlichen Beleg für diese Theorie zeigt das Verhalten von Hunden, die schon lange mit dem Menschen zusammenleben. In physisch-kognitiven Dingen sind sie Affen weit unterlegen. Wenn es jedoch darum geht, das Verhalten von Menschen zu deuten, schlagen sie Schimpansen und Orang-Utans haushoch. Um die Entwicklung sozial-kognitiver Fähigkeiten besser zu verstehen, wollen die Forscher auch die Denkfähigkeit anderer Affenarten überprüfen. So hoffen sie, die Evolution höherer Denkleistungen nachempfinden zu können.
Esther Herrmann (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig)et al.: Science, Band 317, Seite 1360 ddp/wissenschaft.de ? Anja Basters





