Geschwindigkeit zahlt sich aus – auch beim Landen
Springspinnen steht jedoch keine dieser Möglichkeiten zur Verfügung – und das, obwohl sie auf kontrollierte Landungen angewiesen sind: Meist springen sie nämlich auf ein Beutetier zu, das sie auf diese Weise überraschen und damit leichter fangen können. Müssten sie nach jeder Landung erst einmal ihr Gleichgewicht wiederfinden oder sich neu sortieren, wäre das Überraschungsmoment wohl verloren. Wie schaffen sie es also, so etwas zu vermeiden? Einen Hinweis liefert ein Bericht aus dem Jahr 1959, als zwei Forscher beobachteten, wie eine Springspinne eine Art Purzelbaum in der Luft vollführte – und zwar nachdem ihre Sicherungsleine gerissen war. Könnte es also sein, dass dieses Seil, bestehend aus der superstabilen Spinnenseide, gar nicht nur zur Absicherung der Tiere dient, sondern auch zu ihrer Stabilisierung während des Sprungs?
Genau diese Frage war der Ausgangspunkt für das Forscherteam um Kai-Jung Chi von der National Chung Hsing University in Taichung. Die Wissenschaftler fingen 27 Springspinnen der Art Hasarius adansoni ein und ließen sie wiederholt eine 18 Zentimeter hohe Rampe hinaufklettern und von dort aus auf ein 7,5 Zentimeter entferntes Ziel springen – zum Teil unter Zuhilfenahme eines gezielten Luftstoßes, wenn die Spinnen nicht freiwillig springen wollten. Dabei filmten sie die Tiere mit einer High-Speed-Kamera, die 1.000 Bilder pro Sekunde aufnahm, und vermaßen ihre Körperlänge sowie ihr Gewicht.
Eine Kontrollgruppe aus der Natur
Allerdings scheiterte ihr Versuch, zum Vergleich von Sprüngen mit und ohne Seiden-Sicherheitsleine die Spinndrüsen der Tiere mit Wachs zu verschließen – zu winzig seien die Spinnen gewesen, geben die Forscher an. Doch ihnen kam der Zufall zu Hilfe: Von den 27 eingefangenen Spinnen hatten fünf offenbar Probleme mit der Seidenproduktion, denn egal, wie häufig die Forscher sie springen ließen, sie benutzten kein einziges Mal die typische Sicherheitsleine. Diese fünf Spinnen erklärten die Wissenschaftler daher kurzerhand zur Kontrollgruppe, nachdem sie sich vergewissert hatten, dass die Tiere weder vom Körperbau noch von ihrer Springfähigkeit von den anderen abwichen.
Die spätere Analyse der Videos zeigte dennoch einen drastischen Unterschied zwischen den beiden Gruppen: Während bei den Seil-Spinnen die Landungen kurz, kontrolliert und weich abliefen – sie setzten nahezu waagerecht auf –, stolperten und kullerten die Kontrolltiere nach dem Aufkommen noch eine ganze Zeitlang vor sich hin. Der Grund: Die Seidenleine ermöglichte es den Tieren, ihre Körperorientierung in der Luft zu verändern. So kippten beispielsweise alle Spinnen kurz nach dem Absprung leicht nach hinten, was die angeleinten jedoch problemlos korrigieren konnten – ganz im Gegensatz zu den freien Springern, bei denen sich der Kipp-Winkel im Flug weiter vergrößerte. Dadurch landeten sie fast aufrecht auf den Hinterbeinen, in einer sehr instabilen Körperhaltung.





