Viele kennen es aus leidvoller Erfahrung: Kaum geht man an jemandem vorbei, der schnieft oder hustet – schon liegt man selbst flach. Andere dagegen scheinen vollständig immun gegen Erkältungen und Co zu sein. Was aber unterscheidet die beiden Gruppen? Erstmals haben US-Forscher jetzt einen wichtigen Faktor dafür identifiziert: Je älter bestimmte Immunzellen – biologisch gesehen – sind, desto leichter steckt man sich an.
Es war eine unschöne Aufgabe, die die 152 Teilnehmer der Studie, Alter 18 bis 55 Jahre, vor sich hatten: Sie ließen sich Blut abzapfen, vermessen und befragen und bekamen dann ein Nasenspray, das mit einem Schnupfenvirus versetzt war. Anschließend mussten sie fünf Tage lang in Quarantäne ausharren und beobachten, ob sie Zeichen einer Erkältung entwickelten oder nicht. Versüßt wurde ihnen die Wartezeit lediglich durch das Honorar von 1.000 Dollar pro Person. Am Ende lautete die Bilanz: 69 Prozent, also 105 der Probanden, hatten sich infiziert bei ihnen befanden sich Viren im Nasensekret, oder sie hatten Antikörper gegen das Virus gebildet. 33 von ihnen, also 22 Prozent der Gesamtgruppe, wurden richtiggehend krank: Sie entwickelten einen ausgeprägten Schnupfen sowie andere typische Erkältungssymptome.
Altersmarker in neuer Rolle
Was die beiden Gruppen unterschied, zeigte die anschließende Blutanalyse: die Länge der sogenannten Telomere in einer bestimmten Gruppe von weißen Blutkörperchen. Telomere sind hauptsächlich bekannt für ihre Rolle bei Alterungsprozessen. Es handelt sich dabei um lange, fadenförmige Strukturen an den Enden der Chromosomen im Zellkern, die eine wichtige Schutzfunktion für das Erbgut erfüllen. Denn bei jeder Zellteilung verkürzt sich, sozusagen aus technischen Gründen, der DNA-Faden eines Chromosoms. Die Telomere sind nun strategisch so platziert, dass lediglich sie an Länge einbüßen wichtige genetische Information geht nicht verloren. Allerdings sind die Schutzfäden irgendwann so kurz, dass sie diese Aufgabe nicht mehr wahrnehmen können. Die Konsequenz: Die Zelle stoppt ihr Teilungsprogramm, altert und stirbt ab.
Wie lang die Telomere sind, ist also eine Art innere Uhr der Zelle, die ihr biologisches Alter anzeigt. Beeinflusst wird sie nicht nur vom Alter einer Person, sondern auch von ihrem Lebensstil und ihrer genetischen Veranlagung. Daher gibt es in jedem Alter eine ganze Bandbreite von verschiedenen Telomerlängen in den Körperzellen. Und genau das scheint bei der Abwehr von Infekten eine wichtige Rolle zu spielen, wie die neue Studie zeigt. Denn je kürzer die Chromosomenenden bei den Probanden waren, desto wahrscheinlicher war es, dass sie sich ansteckten oder sogar krank wurden. Entscheidend scheint dabei vor allem Telomerlänge in einer Gruppe von T-Zellen zu sein, die für das Erkennen und Beseitigen von virusbefallenen Zellen zuständig ist – sie zeigte statistisch die stärkste Korrelation mit dem Infektionsrisiko.
Wenig Einfluss in der Jugend, wichtiger Faktor im Alter
Die Rolle dieser Zellen und der Einfluss der Telomerlänge werden dabei im Alter offenbar immer wichtiger, berichten die Forscher. Während bei den 18- bis 22-Jährigen noch praktisch kein Effekt nachweisbar war, wurde er mit zunehmendem Alter stetig größer. Das könnte zum einen daran liegen, dass bei den älteren Probanden im Schnitt fast doppelt so viele Zellen mit ziemlich kurzen Telomeren vorkommen wie bei der jungen Gruppe. Solche Zellen befinden sich fast am Ende ihres Lebens und sind nicht mehr so durchschlagskräftig. Je mehr Zellen mit kurzen Telomeren, desto stärker schwächelt also auch die Virusabwehr. Alternativ könnte es natürlich auch sein, dass die Schwachstelle durch die beeinträchtigten T-Zellen von einem jungen Immunsystem leichter ausgeglichen werden kann als von einem älteren.
Doch so logisch der Zusammenhang auch scheint, die Wissenschaftler räumen selbst ein, dass die aktuelle Untersuchung noch keine endgültigen Aussagen darüber erlaubt, was das jetzt für mögliche Therapien oder Diagnosemethoden bedeutet. Es müsse nicht einmal unbedingt eine echte kausale Verknüpfung geben, kommentieren sie: Es sei durchaus möglich, dass beides, die größere Anfälligkeit für Infektionen und die kürzeren Telomere, auf einen dritten, bisher unbekannten Faktor zurückgehen. Das sollen jetzt weitere, größere Untersuchungen zeigen. Bestätigt sich allerdings der Zusammenhang, könnte das bedeuten, dass die Telomerlänge zumindest bei Erwachsenen ganz allgemein ein messbarer, biologischer Marker für Krankheiten ist und damit völlig neue Bluttests für Risikogruppen möglich werden.
Sheldon Cohen (Carnegie Mellon University, Pittsburgh) et al.: JAMA, Bd. 309, S. 699 © wissenschaft.de Ilka Lehnen-Beyel





