Akuter Schmerz ist ein wichtiges Warnsignal unseres Körpers: Es bringt uns dazu, sofort zu handeln und die Quelle des Schmerzes zu beseitigen – beispielsweise indem wir die Hand schnell wegziehen oder den verknacksten Knöchel entlasten. Dummerweise aber hören Wunden und andere Verletzungen nicht sofort auf wehzutun, meist bleiben die Stellen besonders empfindlich und schmerzen weiterhin. In einigen Fällen beim Menschen und sehr oft bei Tieren wirkt sich dies auch auf das gesamte Verhalten aus: Sie werden ängstlicher, vorsichtiger und auch wachsamer, wie Robyn Crook von der University of Texas und ihre Kollegen berichten. Erzeugt wird dies durch eine Übersensibilisierung bestimmter Reizleitungen im Moment der Verletzung. Die Tatsache, dass es diese Übersensibilität bei Mensch und Tier gibt, deutet nach Ansicht der Forscher darauf hin, dass es sich um eine im Laufe der Evolution etablierte Anpassung handeln muss. Das allerdings wirft die Frage auf, welchen Nutzen diese Überempfindlichkeit hat.
“Kleinere Verletzungen kommen bei Tieren oft vor, sie bringen ihnen meist Nachteile: Räuber attackieren mit Vorliebe bereits geschwächte Beute und auch die Flucht kann durch Verletzungen erschwert werden”, erklären die Forscher. Ihre Hypothese: Möglicherweise kann eine Überempfindlichkeit und erhöhte Wachsamkeit einige dieser Nachteile ausgleichen – und erklären, warum sich diese Nachwirkung von schmerzhaften Verletzungen in der Evolution gehalten hat. Um das zu testen, führten die Wissenschaftler ein Verhaltensexperiment mit dem Kalmar Doryteuthis pealei durch. Dafür fügten sie einigen Kalmaren eine kleine Wunde an einem ihrer Arme zu, die Beweglichkeit der Tiere wurde dadurch nicht behindert. Ein Teil der Tiere wurde dabei betäubt, ein anderer nicht. Die Betäubung verhindert, dass der Verletzungsschock die typische Überempfindlichkeit auslöst, wie die Forscher erklären. Sechs Stunden später setzten sie die Tiere jeweils einzeln in Becken mit einem Raubfisch.
Schneller durch Schmerzreaktion
“Die Kalmare zeigen eine schrittweise und ziemlich stereotype Abfolge von Verhaltensweisen, wenn sie sich bedroht fühlen”, erklärt Crook. Sie tarnen sich zunächst durch Farbwechsel, beginnen dann wegzuschwimmen und schließlich katapultieren sie sich durch einen Rückstoß aus der Gefahrenzone, oft verbunden mit dem Ausstoßen von Tinte. Weil diese Schritte jeweils in ganz bestimmter Entfernung vom Räuber ausgelöst werden, lässt sich genau messen, ob ein Kalmar wachsamer und fluchtbereiter ist als sonst oder nicht. Und tatsächlich zeigte sich ein solcher Effekt: Kalmare, die ohne Betäubung verletzt wurden, reagierten sehr viel früher auf die Bedrohung durch den Raubfisch als unverletzte Artgenossen. Sie schafften es daher häufiger, ihm zu entkommen und zu überleben, wie die Forscher berichten.





