“Kleinere Verletzungen kommen bei Tieren oft vor, sie bringen ihnen meist Nachteile: Räuber attackieren mit Vorliebe bereits geschwächte Beute und auch die Flucht kann durch Verletzungen erschwert werden”, erklären die Forscher. Ihre Hypothese: Möglicherweise kann eine Überempfindlichkeit und erhöhte Wachsamkeit einige dieser Nachteile ausgleichen – und erklären, warum sich diese Nachwirkung von schmerzhaften Verletzungen in der Evolution gehalten hat. Um das zu testen, führten die Wissenschaftler ein Verhaltensexperiment mit dem Kalmar Doryteuthis pealei durch. Dafür fügten sie einigen Kalmaren eine kleine Wunde an einem ihrer Arme zu, die Beweglichkeit der Tiere wurde dadurch nicht behindert. Ein Teil der Tiere wurde dabei betäubt, ein anderer nicht. Die Betäubung verhindert, dass der Verletzungsschock die typische Überempfindlichkeit auslöst, wie die Forscher erklären. Sechs Stunden später setzten sie die Tiere jeweils einzeln in Becken mit einem Raubfisch.
Schneller durch Schmerzreaktion
“Die Kalmare zeigen eine schrittweise und ziemlich stereotype Abfolge von Verhaltensweisen, wenn sie sich bedroht fühlen”, erklärt Crook. Sie tarnen sich zunächst durch Farbwechsel, beginnen dann wegzuschwimmen und schließlich katapultieren sie sich durch einen Rückstoß aus der Gefahrenzone, oft verbunden mit dem Ausstoßen von Tinte. Weil diese Schritte jeweils in ganz bestimmter Entfernung vom Räuber ausgelöst werden, lässt sich genau messen, ob ein Kalmar wachsamer und fluchtbereiter ist als sonst oder nicht. Und tatsächlich zeigte sich ein solcher Effekt: Kalmare, die ohne Betäubung verletzt wurden, reagierten sehr viel früher auf die Bedrohung durch den Raubfisch als unverletzte Artgenossen. Sie schafften es daher häufiger, ihm zu entkommen und zu überleben, wie die Forscher berichten.
Anders dagegen die Tiere, die bei der Verletzung betäubt waren: Sie reagierten auf die Raubfische ganz normal. Das aber wurde ihnen zum Verhängnis: Denn die Raubfische erkennen, ob ein Kalmar verletzt ist, selbst wenn dies an seinen Bewegungen nicht offensichtlich ablesbar scheint – und greifen dann schneller an. “Offensichtlich verhindert die Betäubung die schmerzbedingte Übersensibilisierung”, schlussfolgern die Forscher. Und das ist für die betroffenen Tiere ein klarer Nachteil. Denn durch die erhöhte Wachsamkeit können sie zumindest einen Teil der verletzungsbedingten Nachteile ausgleichen.
Nach Ansicht der Forscher stützten diese Ergebnisse die Hypothese, dass die Übersensibilisierung in der Natur eine nützliche Anpassung an eine Verletzung ist. Bei uns Menschen spielt dies zwar keine Rolle mehr und ist in den meisten Fällen lästig oder sogar schädlich. “Aber wenn wir den natürlichen Zweck dieser schmerzbedingten Überempfindlichkeit kennen, dann kann uns dies neue Wege eröffnen, krankhafte Formen davon beim Menschen zu behandeln”, so Crook.





