Männliche Rentiere blasen im Hals einen Luftsack auf, um damit ihre Stimme zu modulieren und Konkurrenten sowie Weibchen optisch zu beeindrucken. Der dehnbare Sack sitzt vor dem Kehlkopf und hilft den Männchen beim Ausstoßen eines rasselnden Keuchtons. Das haben Forscher um Roland Frey vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin bei anatomischen Untersuchungen herausgefunden. Sie sezierten Kopf- und Halspartien der Tiere und analysierten die Form des Luftsackes mit dem Computertomografen. Dann verglichen die Ergebnisse mit den Verhaltensweisen der Tiere in freier Wildbahn. Mit aufgeblähtem Hals und charakteristischem Knatterton handeln die Männchen untereinander ihre Rangfolge aus und werben um die Weibchen in der Brunftzeit, so die Wissenschaftler.
Die Forscher untersuchten die Anatomie der Kopf- und Halspartien von Rentieren in Finnland. Außerdem nahmen sie Hörproben während der Brunft im September auf und beobachteten das Verhalten der Tiere. “Anders als bei Hirschen, die mit erhobenem Haupt in den Wald röhren, senken die Rentiere ihren Kopf, lassen den Hals anschwellen und produzieren dabei einen charakteristischen heiseren Keuchton”, erklärt Roland Frey gegenüber wissenschaft.de. Der Luftsack, der am Kehlkopf ansetzt, moduliert die Töne und gibt jedem Tier eine unterscheidbare Stimme. Bei den Männchen kann der luftgefüllte Sack 30 Zentimeter lang und 15 Zentimeter breit sein, erläutert Frey. “Das sind drei bis vier Liter Inhalt. Da die Hülle aus flexiblem Bindegewebe besteht, geht auch noch mehr hinein.”
Auch die Weibchen besitzen einen solchen Luftsack ? nur ist er bei ihnen deutlich kleiner. “Er hat nur die Größe einer Tomate”, sagt Frey. In der Paarungszeit sind die Weibchen allerdings still. Sie nutzen Stimmbänder und Luftsack erst bei der Aufzucht der Jungtiere im folgenden Sommer.
Rentiere werden über zehn Jahre alt. Bei den Männchen wächst der Luftsack bis ins sechste Lebensjahr. “Dann sind sie ausgewachsen und dominant”, sagt Frey. Als junge Erwachsene halten sie sich dann einen Harem von drei bis fünf Weibchen, bei gestandenen Männchen sind dies schließlich bis zu 25 Tiere.
Roland Frey (Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, Berlin) et al: Journal of Anatomy, Bd. 210, S. 131 ddp/wissenschaft.de ? Martin Schäfer





