Sex zwischen zwei Männern oder zwei Frauen galt lange als ein rein menschliches, „unnatürliches“ Verhalten. Doch inzwischen haben Studien für rund 1500 Tierarten nachgewiesen, dass sie regelmäßig oder gelegentlich homosexuellen Geschlechtsverkehr haben. Auch wenn solche Kopulationen nicht zu Nachkommen führen, können sie indirekt den evolutionären Erfolg einer Spezies fördern. Bei vielen Tierarten stärken die sexuellen Interaktionen unter Geschlechtsgenossen beispielsweise den sozialen Zusammenhalt. Gene, die mit Homosexualität bei Männern in Verbindung gebracht wurden, können zudem bei Frauen zu gesteigerter Fruchtbarkeit beitragen und sich so über die Generationen hinweg durchsetzen.
Sozialer Kitt
„Die evolutionären Ursprünge und ökologischen Grundlagen des gleichgeschlechtlichen Sexualverhaltens sind jedoch nach wie vor kaum verstanden“, erklärt ein Team um Chloë Coxshall vom Imperial College London. Um neue Einblicke zu gewinnen, welche Faktoren homosexuellen Geschlechtsverkehr begünstigen können, haben die Forschenden das Sexualverhalten von 491 nicht-menschlichen Primaten verglichen. Für 59 dieser Arten fanden sie Hinweise auf homosexuelle Interaktionen. Bei 23 davon wurde gleichgeschlechtlicher Sex auch wiederholt bei wildlebenden Populationen beobachtet, kann also nicht mit unnatürlichen Verhaltensweisen in Gefangenschaft erklärt werden.
Die Vergleiche zwischen den verschiedenen Primatenarten enthüllten, dass homosexuelle Beziehungen zwischen Individuen vor allem bei Spezies vorkommen, die mit harschen Umweltbedingungen zu kämpfen haben. „Gleichgeschlechtlicher Geschlechtsverkehr war wahrscheinlicher bei Arten, die in trockenen Umgebungen mit wenig Nahrung leben oder die einem hohen Druck durch Raubtiere ausgesetzt sind“, berichten Coxshall und ihre Kollegen. Das zeigt sich beispielsweise bei Berberaffen und Grünen Meerkatzen, die in stressigen Situationen verstärkt auf gegenseitige Fellpflege und weitere Formen der körperlichen Zuwendung setzen. „Diese Ergebnisse stützen die Hypothese, dass Umweltstressoren die Entwicklung von gleichgeschlechtlichem Geschlechtsverkehr als flexible Verhaltensstrategie zum Umgang mit sozialen Spannungen beeinflussen können.“
Auch körperliche und soziale Eigenheiten der Primaten spielen eine Rolle: „Auch Arten mit einer längeren Lebensdauer, einem stärkeren Größenunterschied zwischen Männchen und Weibchen, und komplexeren sozialen Strukturen und Hierarchien zeigen häufiger gleichgeschlechtliches Sexualverhalten“, so die Forschenden. „Dieses könnte langfristige soziale Bindungen über sich verändernde Beziehungen und Gruppendynamiken hinweg unterstützen.“
Parallelen zum Menschen?
Die Forschenden betonen, dass sich die Analyse ausschließlich auf nicht-menschliche Primaten bezieht. „Dennoch ist es schwierig, mögliche Implikationen für unsere frühmenschlichen Verwandten und moderne Menschen auszublenden“, schreiben sie. So sei es naheliegend, dass auch unsere Vorfahren widrigen Umweltbedingungen ausgesetzt waren, darunter Ressourcenknappheit und Bedrohung durch Raubtiere, und sich in immer komplexer werdenden sozialen Strukturen zurechtfinden mussten. „All das sind Faktoren, die unsere Analyse bei nicht-menschlichen Primaten mit gleichgeschlechtlichem Geschlechtsverkehr in Verbindung bringt.“
Coxshall und ihre Kollegen unterstreichen jedoch, dass alle Versuche, die Ergebnisse auf heutige Menschen zu übertragen, rein spekulativ bleiben. „Evolutionäre Hypothesen bestimmen weder die Gültigkeit individueller Identitäten, noch beeinflussen sie ihren inhärenten Wert“, betonen die Forschenden. „Unser Ziel war es, Faktoren zu dokumentieren, die der Verhaltensvielfalt bei Tieren zugrunde liegen, und nicht, menschliche Identitäten zu rechtfertigen oder zu erklären.“ Bezogen auf nicht-menschliche Primaten geben die Ergebnisse jedoch wertvolle Einblicke in die sexuelle Vielfalt und die soziale Evolution. „Unsere Analyse zeigt, dass gleichgeschlechtlicher Geschlechtsverkehr ein kontextabhängiges Verhalten ist, das durch Wechselwirkungen zwischen ökologischen, lebensgeschichtlichen und sozialen Faktoren geprägt ist“, fasst das Forschungsteam zusammen.
Quelle: Chloë Coxshall (Imperial College London, UK) et al., Nature Ecology & Evolution, doi: 10.1038/s41559-025-02945-8





