Wie sehr sich die frühesten Erfahrungen mit Berührung auf die Entwicklung des Nervensystems auswirken können, zeigt nun eine Studie von Medizinern um Nathalie Maitre vom Vanderbilt University Medical Center in Nashville. Die Wissenschaftler haben getestet, wie das Gehirn von Neugeborenen und von Frühgeborenen kurz vor ihrer Entlassung aus der Frühchenstation auf sanfte Berührungsreize reagiert. Dafür setzten sie 125 Säuglingen wiederholten, kurzen Luftstößen aus. Mithilfe der Elektroenzephalografie (EEG) maßen sie die durch diese Berührung ausgelösten Gehirnströme und verglichen diese Daten mit Reaktionen auf einen Scheinreiz, bei dem keine Luft die Haut der Kinder berührte.
Schlechtere Voraussetzungen
Das Ergebnis: Während Babys, die ganz normal nach rund neun Monaten Schwangerschaft auf die Welt gekommen waren, wie erwartet auf die sanfte Berührung reagierten, zeigten Frühgeborene im Schnitt deutlich verminderte Reaktionen. “Unsere Analysen enthüllten, dass die Hirnreaktionen auf die Berührungsreize bei unseren Frühgeborene nicht nur signifikant schwächer ausfielen, sie unterschieden sich auch in ihrer topografischen Verteilung gegenüber denen voll ausgereifter Neugeborener”, berichten Maitre und ihre Kollegen. Dieser Effekt war umso deutlicher, je früher die Kinder geboren worden waren. Doch auch wenn die Frühchen ihren Rückstand aufgeholt haben und nach Hause entlassen werden, bleibt diese abgeschwächte Reaktion gegenüber Berührungen erhalten, wie die Forscher beobachteten. “Das bedeutet: Babys, die aus Pränatalstationen nach Hause entlassen werden, haben schlechtere Lernvoraussetzungen für die motorische, taktile und multisensorische Erkundung der Umwelt und ihrer Selbst, sowie der sozial-emotionalen Interaktionen”, so die Wissenschaftler.
Die Frage ist, woran dies liegt. Ist es nur die größere Unreife des Gehirns oder könnte das womöglich auch an den notwendigen, aber oft strapaziösen Maßnahmen liegen, die nötig sind, um das Überleben der Frühchen zu sichern? So verbringen Frühgeborene oft viel Zeit im Inkubator, werden durch Schläuche beatmet und regelmäßig gestochen, weil Ärzte ihre Blutwerte kontrollieren müssen. Tatsächlich zeigte ein Abgleich mit Krankenhausdokumenten: Je häufiger die Kinder während ihres Aufenthalts auf der Frühchenstation angenehmen Körperkontakt von Eltern oder Betreuern genossen hatten, desto stärker reagierten sie im Experiment auf die Berührung. Schmerzhafte Erfahrungen führten hingegen zum Gegenteil: Je mehr unangenehme medizinische Prozeduren die Frühgeborenen erlebt hatten, desto weniger sprach ihr Gehirn auf die sanfte Berührung an. “Dass positive Berührungserlebnisse im Krankenhaus Frühchen dabei helfen, eine normale taktile Wahrnehmung zu entwickeln, hatten wir gehofft”, sagt Maitre. “Dass umgekehrt aber auch schmerzhafte Erlebnisse diese Wahrnehmung beeinträchtigen können, hat uns überrascht.”





