Frankfurter Wissenschaftler haben entdeckt, warum sich die Figuren eines Daumenkinos tatsächlich zu bewegen scheinen: Werden zwei räumlich voneinander getrennte Gegenstände oder Abbildungen wahrgenommen, reagiert jeweils ein spezialisierter Bereich der Sehrinde auf jedes Objekt. Erscheinen diese Objekte jedoch nicht gleichzeitig, sondern wie beim Daumenkino kurz nacheinander, aktiviert ein übergeordnetes Gehirnzentrum zusätzlich eine Verbindung zwischen den beiden Sehrindenarealen ? mit der Folge, dass sich das abgebildete Objekt von einer Position zur anderen zu bewegen scheint.
In ihrer Studie zeigten die Forscher acht Freiwilligen verschiedene Darstellungen von Quadraten auf einem Monitor und baten sie, eventuell wahrgenommene Bewegungen zu beschreiben. Leuchteten zwei Vierecke gleichzeitig auf, sahen die Testpersonen lediglich die statischen Bilder. Wurden die Figuren jedoch nacheinander beispielsweise in der oberen und dann in der unteren Hälfe des Bildschirms dargestellt, schien sich das Quadrat für die Probanden von oben nach unten zu bewegen. Während dieser Tests bestimmten die Forscher mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie die Gehirnaktivität der Probanden.
Die unterschiedliche Wahrnehmung der verschiedenen Darstellungen spiegelte sich auch im Aktivitätsmuster des Gehirns wider, zeigte die Auswertung: Bei der gleichzeitigen Abbildung der Quadrate waren zwei Regionen der primären Sehrinde aktiv, von denen jede eins der Vierecke repräsentierte. Leuchteten die Figuren jedoch nacheinander auf, war zusätzlich noch ein Areal zwischen den beiden Regionen aktiv. Da die Probanden keinen weiteren optischen Reiz gesehen hatten, der diese Aktivität hätte hervorrufen können, muss diese zusätzliche Aktivierung nach Ansicht der Forscher für die Bewegungsillusion verantwortlich sein.
Offenbar reagiert ein in der Befehlshierarchie des Gehirns hochstehendes Kontrollzentrum auf die nacheinander aufblitzenden Reize und stimuliert das zusätzliche Sehrindenareal, schließen die Wissenschaftler aus diesen Ergebnissen. Damit soll wahrscheinlich die Wahrnehmungslücke zwischen den beiden Quadraten geschlossen werden, so dass aus den beiden Bruchstücken ein sinnvoller Zusammenhang entsteht. Überraschend sei jedoch die Beteiligung der Sehrinde an dieser Lückenfüllerstrategie, so die Forscher. Von dieser Hirnregion hatten Wissenschaftler bislang angenommen, dass sie Reize ohne Veränderungen abbildet, während die eigentliche Verarbeitung in anderen Arealen stattfindet.
Lars Muckli et al. (Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main): PLoS Biology, Bd. 3, Nr. 8, S. e265
ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel





