Leichte Verformung mit Bremseffekt
Es zeigte sich: Im Gegensatz zu synthetischen Fasern und Metallen verformt sich Spinnenseide bei der Verdrehung leicht. Dadurch werden mehr als 75 Prozent der Torsionsenergie im Faden freigesetzt und zerstreut, berichten die Forscher. Auf diese Weise wird ein Dreheffekt schnell ausgebremst und die Spinne verfällt nicht in einen taumelden Tanz am Faden.
Das Team vermutet, dass diese ungewöhnliche Eigenschaft mit der komplexen physikalischen Struktur der Seide verknüpft ist. “Spinnenseide unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von anderen Materialien”, betont Co-Autor Dabiao Liu von der Huazhong Universität für Wissenschaft und Technologie in Wuhan, China. Sie besteht aus einem Kern aus sogenannten Fibrillen, umhüllt von einer Art Haut. Jede Fibrille besitzt wiederum Segmente von Bausteinen, die wie Blätter strukturiert sind. Die Forscher vermuten, dass die Verdrehung dazu führt, dass sich diese Blätter elastisch ausdehnen und sich in ihnen Wasserstoffbrücken verketten. Dies könnte zu dem Anti-Dreh-Effekt führen.
Dieser Spur wollen die Forscher nun weiter nachgehen. “Es ist noch viel Forschungsarbeit nötig”, sagt Co-Autor David Dunstan von der Queen Mary University in London. Ihre Forschung ist keineswegs nur aus biologischer Sicht interessant, sondern sogar mehr noch aus technischer: “Wenn wir verstanden haben, wie Spinnenseide funktioniert, dann könnten wir vielleicht die Eigenschaften in unsere eigenen synthetischen Seile einbauen”, sagt Dunstan. Informationen darüber, wie Spinnenseide dem Drehen widersteht, könnten beispielsweise in Entwicklung von Geigensaiten, Helikopter-Rettungsleitern und Fallschirmschnüren einfließen, sagen die Wissenschaftler.
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