Haie und Rochen sind wahre Urzeittiere: „Knorpelfische, zu denen auch die heute lebenden Haie und Rochen gehören, gibt es seit über 400 Millionen Jahren auf unserem Planeten. Sie haben in dieser Zeit mehrere Massenaussterbeereignisse überlebt“, sagt Manuel Staggl von der Universität Wien. Bisher gingen Wissenschaftler davon aus, dass diese Meeresbewohner besonders resilient sind und ihre Artenzahl seit Jahrmillionen stabil ist oder sogar zunimmt. Doch stimmt das? Und wie passt das damit zusammen, dass heute über ein Drittel der Arten aus der Gruppe der modernen Haie und Rochen vom Aussterben bedroht ist?
Diesen Fragen ist nun ein Team um Staggl nachgegangen. Dafür analysierten die Paläontologen tausende Fossilien von Haien und Rochen aus 503 Gattungen aus den vergangenen 100 Millionen Jahren und ermittelten daraus, wie sich deren Bestand langfristig entwickelt hat. Diese Daten verglichen sie zudem mit historischen Umweltbedingungen wie Wassertemperatur, CO2-Gehalt der Atmosphäre und Verfügbarkeit von marinen Lebensräumen.
Marine Artenvielfalt geht schon lange zurück
Das überraschende Ergebnis: Die Zahl der Arten von Haien und Rochen ist seit 45 Millionen Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Ihre Vielfalt ist demnach keineswegs stabil, sondern schwindet seit dem Eozän. Das wirft nun ein völlig neues Licht auf die Evolutionsgeschichte dieser Meeresräuber. Zwar haben Haie und Rochen demnach das Aussterben der Dinosaurier nach dem berühmte Asteroideneinschlag vor 66 Millionen Jahren nahezu problemlos überstanden. „Diese Tiere erwiesen sich als erstaunlich widerstandsfähig und erholten sich schnell von der Katastrophe“, so Staggl. Bis vor 45 Millionen Jahren entwickelten sich diese Fische weiter und ihre Artenvielfalt nahm zu. Dann kam jedoch die überraschende Wende und die Biodiversität der Haie und Rochen ging seither zurück. Aber warum?
Wie die Daten enthüllten, waren die Kontinente damals stärker fragmentiert und stärker überflutet. Dadurch gab es deutlich mehr flache, heterogene und nahrungsreiche Küstengewässer, die den Haien und Rochen als Lebensräume dienten. Das war ein entscheidender Faktor für die Entwicklung neuer Hai- und Rochenarten: „Je mehr unterschiedliche flache Meeresgebiete verfügbar waren, desto mehr Arten entwickelten sich“, berichtet Seniorautor Jürgen Kriwet von der Universität Wien. „Genau diese Lebensräume sind heute durch Küstenverbauung, Klimaerwärmung, Verschmutzung und nicht nachhaltige Fischerei bedroht“, so der Paläontologe. Damit offenbart die Studie zugleich einen möglichen Hebel, um heutige Hai- und Rochenarten zu schützen: Wenn ihre Lebensräume in Küstennähe besser behandelt würden, könnte auch ihre Vielfalt bewahrt werden.
CO2-Emissionen schaden auch Haien und Rochen
Die Analysen enthüllten darüber hinaus einen weiteren Faktor, der sich auf die Artenvielfalt der Haie und Rochen auswirkt: der CO2-Gehalt der Atmosphäre. Moderate CO2-Werte, wie sie in der Vergangenheit häufig vorlagen, wirkten sich demnach indirekt positiv auf die Vielfalt der Meeresräuber aus. „Vereinfacht gesagt sorgt CO2 für mehr Fotosynthese der Algen und Seegraswiesen. Das wirkt sich auf die restliche Nahrungskette und schlussendlich auf Haie und Rochen positiv aus“, erklärt Kriwet.
Zu hohe CO2-Werte, wie sie seit dem menschengemachten Klimawandel vorherrschen, lassen jedoch die Ozeane versauern und erwärmen und sind dadurch schädlich für die marinen Ökosysteme – und damit indirekt auch für die Biodiversität von Haien und Rochen. Problematisch ist dabei vor allem das beispiellos hohe Tempo des Klimawandels: Besonders hochspezialisierte Arten wie Tiefseehaie, die an stabile, kalte Umgebungen angepasst sind, können mit den derzeitigen Veränderungen der Meere nicht mehr Schritt halten und sind daher durch die rasche Erwärmung besonders gefährdet, berichtet das Team. Neben dem Erhalt der Küstenlebensräume müssten daher gleichzeitig unbedingt die CO2-Emissionen sinken, um diese Meeresbewohner zu bewahren. „Unsere Studie zeigt, dass Meeresschutz nicht nur Fischfangquoten bedeutet – wir müssen die gesamten Lebensräume und das Klimasystem im Blick haben“, resümiert Staggl.
Quelle: Universität Wien; Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-025-25653-6





