Anders als Erwachsene lassen sich Kinder nicht so einfach in Kategorien wie übergewichtig oder fettleibig einteilen. Nun hat das Robert-Koch-Institut erstmals Normwerte veröffentlicht, die repräsentativ für Deutschland sind. Ob und wie diese als Grundlage für ein neues Bezugssystem dienen könnten, ist allerdings umstritten.
Viele deutsche Kinder sind zu dick und es werden immer mehr. Das bestätigt auch das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin. Aber was heißt eigentlich “zu dick”? Im Vergleich zu Erwachsenen lassen sich Kinder noch viel schwieriger in Kategorien wie normal, übergewichtig oder fettleibig einteilen. Die Normalwerte, an denen sich deutsche Experten bislang orientiert haben, waren immer schon umstritten. Deshalb schlägt das RKI vor, ein neues Bezugssystem zu entwickeln.
Stefan ist zehn und zu dick. Das jedenfalls behaupten seine Mitschüler. Stefans Mutter sieht das freilich ganz anders. Wer legt fest, ob ein Kind Übergewicht hat? Für Erwachsene gibt es mittlerweile klare Grenzwerte: Wer einen Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 25 hat, gilt laut der Weltgesundheitsorganisation WHO als übergewichtig. Der BMI lässt sich errechnen, indem das Körpergewicht in Kilogramm durch das Quadrat der Körpergröße in Metern geteilt wird. Der BMI ist ein indirektes Maß für den Fettanteil im Körper: je höher der Index, desto mehr Fettmasse.
Zahlreiche Studien zeigen, dass mit zunehmendem Körperfettanteil auch das Risiko für Folgekrankheiten ansteigt. Bei Kindern allerdings zeigen sich die Zusammenhänge zwischen dem BMI und dem Krankheitsrisiko nicht so deutlich. Zum einen treten die meisten schädlichen Auswirkungen von Übergewicht erst in viel späteren Jahren auf. Zum anderen ist es ganz natürlich, dass der BMI im Laufe der kindlichen Entwicklung zuerst leicht abfällt und mit steigendem Alter deutlich zunimmt. Deshalb ist es für Kinderärzte viel schwerer festzulegen, welches Gewicht in welchem Alter noch als ungefährlich einzustufen ist.
Bislang gelten die von Katrin Kromeyer-Hauschild gesammelten BMI-Werte als bestes Bezugssystem. Die Ernährungswissenschaftlerin von der Universität Jena legte 2001 zusammen mit Kollegen ein Diagramm mit Normwerten für jedes Alter an und berechnete sogenannte Perzentilkurven. Demnach ist ein zehnjähriger Junge erst dann übergewichtig, wenn er dicker als neunzig Prozent seiner männlichen Altersgenossen ist.
Dieses Bezugssystem hat jedoch eine Schwäche: Es basiert auf 17 Einzelstudien aus verschiedenen Regionen Deutschlands, die zwischen 1985 bis 1998 zum Teil mit unterschiedlichen Messmethoden durchgeführt wurden. Die Daten lassen sich deshalb streng genommen nicht auf die Gesamtbevölkerung übertragen. Im Mai dieses Jahres veröffentlichte das RKI erstmals BMI-Werte, die repräsentativ für Kinder und Jugendliche in Deutschland sind.
Es wäre also sinnvoll, anhand dieser Daten festzulegen, welches Gewicht in welchem Alter normal ist. Doch genau davor warnen Wissenschaftler. Denn das, was Medien gerne als “Adipositasepidemie” beschreiben, ist auch in Deutschland bereits in vollem Gange. Der Anteil fettleibiger Kinder hat in den letzten zehn bis zwanzig Jahren zugenommen. Der zehnjährige Stefan, der nach dem alten Bezugssystem von Kromeyer-Hauschild noch als übergewichtig galt, würde nach den neuen Daten nicht mehr zu den dicksten zehn Prozent seiner Altersgruppe zählen. Rein statistisch wäre er also normalgewichtig.
“Anhand der aktuellen RKI-Studie Normalwerte festzulegen, würde das Übergewichtsproblem in Deutschland verniedlichen”, sagt Kinderarzt Thomas Reinehr von der Universität Witten-Herdecke. Als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kinder- und Jugendalter (AGA) steht er einer Änderung der bisherigen Normalwerte skeptisch gegenüber: “Referenzsysteme umzustellen führt immer zu großer Verwirrung.”
Bärbel-Maria Kurth vom RKI hingegen schlägt eine neue Lösung vor: Sie will nicht nur die Normalwerte mit den neuen Daten aktualisieren, sondern gleichzeitig auch die Grenzen für Übergewicht anpassen. Dabei möchte sie sich an den anerkannten Grenzwerten für Erwachsene orientieren. Kurth hat sich deshalb die BMI-Werte von Jugendlichen kurz vor der Volljährigkeit angeschaut: Derzeit haben etwa 15 Prozent der Deutschen im Alter von 17,9 Jahren einen BMI über 25. Das heißt umgekehrt, dass 85 Prozent der Altersgruppe nicht übergewichtig sind. Diese Prozentzahl soll von nun an auch bei jüngeren Kindern die Übergewichtsgrenze bestimmen: Wenn 85 Prozent der Zehnjährigen einen BMI unter 20 haben, gelten alle Gleichaltrigen mit einem BMI über 20 als übergewichtig. Demnach würde auch der zehnjährige Stefan mit einem BMI von 21 wieder in die Kategorie “zu dick” fallen.
“Diese Lösung wäre ein guter Kompromiss”, meint Kurth. Auch internationale Expertengruppen empfehlen, bei der Definition von Übergewicht an die anerkannten Grenzwerte für Erwachsene “anzudocken”. Am besten wäre natürlich eine Definition, die nicht nur von statistischen Normwerten ausgeht, sondern das Risiko für gesundheitliche Folgeschäden miteinbezieht. Das ist bei Kindern allerdings bislang nicht möglich. “Die entsprechenden Langzeitstudien sind noch nicht abgeschlossen”, erklärt Kurth.
Für Stefan selbst hat es freilich kaum Auswirkungen, wie die Diskussion um die Bezugssysteme ausgeht. Denn hält sich sein Arzt an die Empfehlungen der AGA, sollte er das Kind nicht nur wiegen und vermessen. Zu einer guten Diagnose gehört beispielsweise auch, den Blutdruck des Patienten zu überprüfen, nach der Gewichtsentwicklung in den vorangegangen Jahren und nach relevanten Erkrankungen in der Familie zu fragen. Erst dann kann der Arzt entscheiden, ob etwas zu tun ist.
ddp/wissenschaft.de – Larissa Kessner





