Deutschland ist Libellenland: Nirgendwo sonst in Europa gibt es eine solche Artenvielfalt bei diesen Fluginsekten der aquatischen Ökosysteme. Durch den menschlichen Einfluss unterliegen diese Lebensräume allerdings einem teils erheblichen Wandel. Wie sind die Libellen damit in den letzten Jahrzehnten zurechtgekommen? Dieser Frage sind die Forscher um Diana Bowler vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig nachgegangen. Sie analysierten dazu über eine Million Dateneinträge zum Vorkommen von 77 Libellenarten Deutschlands aus dem Zeitraum von 1980 bis 2016. Die meisten Informationen stammten dabei von ehrenamtlichen Bürgerwissenschaftlern und von der Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen (Libellenkundler).
Zuwächse, aber auch Abnahmen
Grundsätzlich zeigt die Studie: Während es bei vielen anderen Insektengruppen in den letzten Jahrzehnten generell einen deutlichen Rückgang bei den Beständen und der Verbreitung gegeben hat, zeichnet sich bei den Libellen ein differenziertes Bild ab – die Wissenschaftler stellten sowohl Zu- als auch Abnahmen fest. Demnach hat sich die Verbreitung von 45 Prozent der Arten in den letzten 35 Jahren ausgeweitet und bei 26 Prozent ist sie stabil geblieben. Rückgänge stellten die Forscher hingegen bei 29 Prozent der 77 Libellenarten Deutschlands fest. Wie sie betonen, sind viele dieser Spezies mit schrumpfender Verbreitung bereits gefährdet und sollten daher nun mehr in den Fokus von Schutzmaßnahmen rücken.

Durch den Blick auf die Artmerkmale wurde auch deutlich, welche Faktoren den jeweiligen Entwicklungstrends zugrunde liegen. Bei den Gewinnern der Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten handelt es sich demnach um Libellen, die bevorzugt an den Ufern von Fließgewässern leben sowie um wärmeliebende Arten. „Bislang seltene Spezies wie die Feuerlibelle und das Kleine Granatauge sind mittlerweile in Deutschland viel häufiger geworden. Diese Arten bevorzugen höhere Temperaturen, ihre Zuwächse in Deutschland liegen also höchstwahrscheinlich am langfristigen Klimawandel“, erklärt Bowler.
Klimawandel und Umweltschutz
Die Positivtrends bei den an Fließgewässer angepassten Arten führen die Forscher hingegen auf erfreulichere Effekte zurück – auf Erfolge beim Schutz dieser Lebensräume. „Die Zuwächse bei diesen Arten zeigen eine Erholung von den Auswirkungen früherer Wasserverschmutzung und der fast vollständigen Zerstörung natürlicher Flussauen“, sagt Co-Autor Klaus-Jürgen Conze von der Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen. Der Hintergrund: In Deutschland wurden erste Projekte zur Verbesserung der Frischwasserqualität und zum Schutz von Fließgewässern bereits in den 1990er Jahren ins Leben gerufen.





