Text: Peter Laufmann
Es ist eine Ecke der Welt, die von der Erdgeschichte vergessen wurde. Seit 30 Millionen Jahren gedeihen hier, in dieser Gegend Ostafrikas, wunderbare Wälder. Viele Arten leben hier. Und nur hier. Auch eine kleine Blume ist darunter; kräftig lila gefärbt, mit zwei gelben Staubbeuteln. Zygomorph ist die Blüte, das heißt: nur in einer Ebene spiegelbar. Sie erinnert vage an ein Veilchen. „Hübsch“, dachte sich wohl Adalbert Emil Walter Le Tanneux von Saint Paul-Illaire, seines Zeichens Bezirksamtmann von Tanga im damaligen Deutsch-Ostafrika. Er schickte 1882 ein paar Samen des Blümchens heim ins Reich.
Hübsch fand sie wohl auch Hermann Wendland, Oberhofgärtner der Herrenhofer Gärten in Hannover. Er bekam die Samen in die Hand und zog eine neue expatriierte Generation in fremder Erde an. Er verpasste der Pflanze aus Afrika denn auch den Namen: Sieht aus wie ein Veilchen, stammt aus den Usambara-Bergen – das Usambara-Veilchen war geboren. Heute ist die Blume allgegenwärtig. Sie zählt zu den sehr beliebten Zimmerpflanzen, längst gibt es mehrere Tausend Sorten.
Dass sie einst aus Afrika herübergeschafft wurde, ist längst vergessen. Sie ist ein ebenso unscheinbares wie ansehnliches Beispiel, wie Samen und mit ihnen Pflanzen um die Welt reisen, weil wir es ihnen ermöglichen. Sie ist auch ein Beispiel dafür, wie wenig mitunter die Menschen davon haben, bei denen die begehrten Pflanzen ursprünglich vor der Haustür wuchsen. Manch einer nennt das Fortschritt, manch anderer Biopiraterie.
Diese Geschichte der letzten mindestens 10.000 Jahre ist auch eine Geschichte über dieses Weiterreichen von Pflanzen und damit von Saatgut. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Jahrtausende.
Und es beginnt lange vor den ersten Ackerbauern. Als die Gletscher vor mehr als 10.000 Jahren wieder schmolzen und die Eiszeit endete, konnten sich Bäume auf den Rückweg in den Norden machen. Viele Arten hatten im Südosten Europas überlebt. Darunter auch die Haselnuss.
Doch die hatte im Gegensatz zu Buchen oder Eichen noch einen Helfer bei der Ausbreitung, denn in Pollensammlungen, die sich in Mooren oder Seen angesammelt hatten, fand sich auffallend viel Pollen der Haselnuss.
Mensch lernt, Samen planvoll einzusetzen
Die Schlussfolgerung daraus lautet, dass die Ausbreitung des Strauches schnell verlaufen sein muss. Schneller jedenfalls, als dass man es auf natürlichem Weg erklären kann. Menschen könnten dazu beigetragen haben. Sie schätzten diesen hochwertigen Snack und führten ihn mit sich. Unabsichtlich oder sogar absichtlich förderten sie die Verbreitung der Sträucher. Mal fiel eine Nuss runter, mal verbrannte man Konkurrenzarten. Alles verhalf zu mehr Haselnüssen – Punkt für den hungrigen Steinzeitler.





