In Ameisenvölkern gibt es eine klare Rollenverteilung: Die Königinnen pflanzen sich als einzige fort, sind natürlicherweise gut etwa vor Krankheiten geschützt und verbringen fast ihr gesamtes Leben im sicheren Nest. Dort werden sie von den Arbeiterinnen, ihren Töchtern, umsorgt: Diese übernehmen die Brutpflege und im höheren Alter auch die riskante Futtersuche außerhalb der Kolonie. Die Konsequenz: Die Ameisenkönigin erreicht meist eine Lebensspanne von mehreren Jahrzehnten, während ihre Töchter nur einige Wochen bis Monate oder selten wenige Jahre leben.
Parasitierte Ameisen unter Beobachtung
Bei einer in Mitteleuropa vorkommenden Ameisenart (Temnothorax nylanderi) konnte jedoch beobachtet werden, dass manche Arbeiterinnen ungewöhnlich lange leben und älter als die sonst üblichen maximal zwei Jahre werden. Was dahinter steckt, haben nun Wissenschaftler um Sara Beros vom Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns in Köln genauer untersucht. Die nur wenige Millimeter großen Ameisen der Spezies leben in kleinen Kolonien auf dem Waldboden, in Eicheln oder dem Totholz von Bäumen. Sie sind als Zwischenwirt für einen parasitischen Bandwurm (Anomotaenia brevis) bekannt, wobei eine einzelne Ameise von bis zu 70 parasitären Larven befallen werden kann. Die Parasiten überdauern in der Hämolymphe, der Körperflüssigkeit der Insekten, und vollenden ihren komplexen Lebenszyklus, sobald die Ameise von einem geeigneten Endwirt wie einem Specht gefressen wird.
Ob die Parasitierung möglicherweise etwas mit den erhöhten Überlebensraten mancher Ameisenarbeiterinnen dieser Art zu tun haben könnte, prüfte das Forscherteam nun anhand von insgesamt rund 60 Ameisenkolonien, die sie in den Wäldern um Mainz sammelten und im Labor weiter beobachteten. „Wir haben die Überlebensrate von Arbeiterinnen und Königinnen sowohl in infizierten als auch in nicht-infizierten Ameisenkolonien über drei Jahre verfolgt,“, erklärt Co-Autorin Susanne Foitzik von der Universität Mainz. Unterscheiden konnte das Team die Ameisen anhand ihrer Farbe: Die infizierten Tiere weisen eine hellere Farbe auf, weil ihre harte Körperdecke – die sogenannte Kutikula – weniger pigmentiert ist als bei den braungefärbten, nicht vom Bandwurm befallenen Artgenossinnen.
Langlebig wie eine Königin
Es zeigte sich: „Die Lebenserwartung der infizierten Ameisen ist deutlich verlängert“, berichtet Foitzik. Nach dem dreijährigen Beobachtungszeitraum waren mehr als 95 Prozent der nicht von Bandwürmern infizierten Arbeiterinnen gestorben, von den parasitierten Arbeiterinnen lebten jedoch noch deutlich mehr als die Hälfte. „Die Arbeiterinnen haben nach unseren Beobachtungen eine Überlebensrate, die denen von Königinnen gleicht“, erklärt Foitzik. „Es ist außerordentlich spannend, dass ein Parasit eine so positive Veränderung in seinem Wirt auslösen kann. Die Verlängerung der Lebenspanne ist sehr ungewöhnlich“, so die Forscherin.





