Wer hat in einstigen Ökosystemen wen gejagt und wer trat als Aasfresser auf? In Bissspuren an fossilen Überresten lassen sich manchmal Hinweise auf diese sogenannten trophischen Wechselwirkungen zwischen Tieren der Vergangenheit gewinnen. Beim aktuellen Fall steht nun eine Lebenswelt im Fokus, die sich einst im Bereich des heutigen Nord-Venezuelas befand. Dort erstreckte sich im Zeitalter des Miozäns ein flacher Ausläufer der Proto-Karibik. Im flachen Küstenwasser dieser Meeresregion waren auch heute ausgestorbene Vertreter der Seekühe unterwegs – und dienten offenbar Räubern als Nahrung, wie der Fund belegt, über den die Forschenden um Aldo Benites-Palomino von der Universität Zürich nun berichten.
Entdeckt wurde das Fossil in einer Schicht der sogenannten Agua-Clara-Formation in der Nähe von Coro in Venezuela, die aus dem frühen bis mittleren Miozän stammt – vor etwa 23 bis 11,6 Millionen Jahren. „Wir erfuhren von dem Fundort durch einen dort ansässigen Bauern, der einige ungewöhnliche Felsen bemerkte“, sagt Seniorautor Sanchez-Villagra von der Universität Zürich. Überrascht stellte das Team bei den Untersuchungen dann fest, dass es sich um Seekuh-Fossilien handelt.
Seekuh-Fossil mit Zahnspuren
Die Ausgrabung förderte schließlich ein Teilskelett der urzeitlichen Seekuh zutage: Stücke des Schädels, achtzehn Wirbel sowie Rippenfragmente. Anhand der Merkmale konnten die Forschenden das Tier der Gattung Culebratherium zuordnen. Doch wie die genaueren Untersuchungen der fossilen Überreste zeigten, ist der Fund mehr als der fossile Nachweis einer urzeitlichen Seekuh: Das Team stieß an verschiedenen Stellen auf Bisspuren an den Knochen.
Einige waren punktförmig, was darauf schließen lässt, dass sie von einem urzeitlichen Krokodil stammten, das offenbar im flachen Meerwasser auf Beutefang war.

Am sogenannten Rostrum – der knöchernen Basis der Schnauze der Seekuh – zeichneten sich dabei spezielle Zahnspuren ab: Sie tragen die Merkmale von Zug beziehungsweise Drehkraft. Den Forschenden zufolge spiegelt sich darin wider, dass das Krokodil wahrscheinlich versucht hat, die Seekuh zu ersticken, indem es sie an der Nase packte. Bestimmte Zahnspuren legen zudem nahe, dass der Räuber eine sogenannte Todesrolle ausführte. Auch heutige Krokodile setzten dies Technik noch ein, um den Schaden nach dem Verbeißen in die Beute durch Drehbewegungen zu erhöhen. Zahnabdrücke an anderen Knochen verdeutlichen zudem, dass das Krokodil erfolgreich war und schließlich Teile der Seekuh vertilgte.





