Hermann-Josef Wagner beobachtet die Energiebranche seit Jahren mit kritischem Blick. bild der wissenschaft befragte ihn zum Ölpreis, zu unserem Expertenwesen und seiner Meinung über neun populäre Energieweisheiten. Hermann-Josef Wagner ist seit 2001 Lehrstuhlinhaber für Energiesysteme und Energiewirtschaft der Ruhr-Universität Bochum. Der gebürtige Westerwälder und Dr.-Ing. begann vor 30 Jahren seine Wissenschaftlerlaufbahn an der Kernforschungsanlage Jülich. Anfang der Achtzigerjahre war er stellvertretender Sekretär der vom Deutschen Bundestag eingesetzten Enquete-Kommission „Zukünftige Kernenergie-Politik”. Anschließend leitete Wagner (Jahrgang 1950) in Jülich zehn Jahre lang die Gruppe „Systemanalyse und technologische Entwicklung”. 1992 wechselte er in den Hochschulbereich, der ihn über Berlin und Essen nach Bochum führte. 2006 nahm ihn die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina – ein Hort der Wissenschaftlerelite – in ihre Reihen auf.
bild der wissenschaft: Am 11. Juli kostete das Barrel Öl 147 Dollar. Am 11. August lag der Preis bei 113 Dollar, am 11. September bei 100 Dollar. Trotz Ossetienkrise ist der Preis deutlich gesunken. Auch die Nachfrage der Schwellenländer ist in den letzten Wochen sicher nicht geringer geworden. Die wohlfeilen Argumente, geopolitische und wirtschaftliche Entwicklungen würden den Ölpreis in die Höhe treiben, stechen offensichtlich nicht, Herr Professor Wagner.
WAGNER: Preisspekulationen sind heute verbreiteter als früher – nicht nur mit Öl, auch mit Lebensmitteln. Der weltweite Finanzmarkt hat sich vom Gütermarkt entkoppelt. Der Weltwirtschaft täte es deshalb sehr gut, wenn sich die Politik international darauf einigen würde, die Spekulationsgeschäfte einzudämmen. Ich befürchte, dass das dauert. Denn von der Spekulation profitieren nicht nur Einzelpersonen, sondern ganze Länder.
bdw: Wie könnte eine solche Antispekulationsallianz aussehen?
WAGNER: Ähnlich, wie es in einigen Ländern Gesetze und Verordnungen gibt, die den nationalen Börsenablauf regeln, brauchen wir auch internationale Reglements. Dieses Regelwerk müsste genauso zielstrebig und kontinuierlich angegangen werden, wie es beim Abbau von Zöllen geschieht.
bdw: Sie beraten Politik und Wirtschaft in Energiefragen – und das seit vielen Jahren. Hat Ihr Rat zu konkreten Ergebnissen geführt? Was verdanken wir Ihnen, Herr Wagner?
WAGNER: Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich weiß ja nicht, wie sich was ohne meinen Rat entwickelt hätte. Insgesamt führt die Beratung dazu, dass an der einen oder anderen Stelle rationaler entschieden wird und Sachargumente berücksichtigt werden. Wenn es keine Beratung gäbe, würden Energiefragen nur nach politischen Motiven entschieden.
bdw: Ist ein Berater gut beraten, wenn er stets die schlimmsten Befürchtungen äußert – wie das viele tun?
WAGNER: Als Berater sollte man das sagen, was man für richtig hält und was den Fakten entspricht. Allein die Fakten zusammenzutragen, ist oft schwierig. Noch schwieriger ist es, sie zu beurteilen. Deshalb ist jede Beratung geprägt durch eigene Lebenserfahrung, Einschätzung und Meinung.
bdw: Manche Berater werden zu Lieblingen der Medien. Sie kommen morgens, mittags, abends und nachts zu Wort – und prägen die öffentliche Meinung weit mehr als ihre Kollegen. Ärgert Sie das?
WAGNER: Es gibt zwei Arten von Beratung: Einmal, indem man Studien schreibt oder bei Anhörungen dabei ist. Die andere ist die Beratung über die Tagespresse, wobei die immer auf eine vorgestanzte Meinung Wert legt, die – am besten – in einem einzigen Satz formuliert wird. Das birgt eine große Gefahr. Denn ein Berater verliert rasch an Wert, wenn er im öffentlichen Interessenspiel stets einer bestimmten Gruppierung zugeordnet werden kann. Im Energiefall wären das beispielsweise Vertreter von Instituten, die sich ausschließlich für denselben Energieträger aussprechen oder stets dieselbe Gegenmeinung äußern.
bdw: Was halten Sie von den vielen selbst ernannten Energie-Experten und deren Akzeptanz in der Öffentlichkeit?
WAGNER: Umweltorganisationen und Nichtregierungsorganisationen sind inzwischen derartig in den Vordergrund der medialen Berichterstattung gerückt, dass es in vielen Fällen ausreicht, wenn sie eine Meinungsäußerung abgeben. Belege dafür wollen viele Medien nicht mehr haben. Mit Propheten kann ich nichts anfangen, weil sie meist eine einzige Lösung vorgeben, neben der alle anderen Lösungsvorschläge falsch sind.
bdw: Unterscheiden sich hier echte Experten wirklich von selbst ernannten? Soeben habe ich eine hochkarätig besetzte Veranstaltung eines Energieversorgers besucht. Unter zehn Wortmeldungen waren dort sechs verschiedene Expertenmeinungen. Kein Wunder, dass auch die Öffentlichkeit zerstritten ist.
WAGNER: Der Bürger hat es schwer, sich zu orientieren. Vieles, was sich qualitativ gut anhört, steht quantitativ schlecht da. Die Öffentlichkeit ist gar nicht in der Lage zu prüfen, ob dieses oder jenes machbar ist. Ein klassischer Konflikt ist der Unterschied zwischen Energie und Leistung. Die Tagespresse konzentriert sich bei Sonnen- oder Windenergie ausschließlich auf erzeugte Kilowattstunden. Dass zu jeder Zeit eine bestimmte Leistung angeboten werden muss, die nur durch konventionelle Kraftwerke zu decken ist, wenn Wind oder Sonne nicht verfügbar sind, ist dort kein Thema.
bdw: Woran kann man sich überhaupt orientieren?
WAGNER: Man sollte bei der Energieversorgung dieselben Maßstäbe anlegen wie in anderen Lebensbereichen auch. Man setzt sonst auch nicht auf ein einziges Pferd, sondern versucht, das Risiko zu streuen. Das bedeutet: Wir brauchen den Energiemix. Einmal bringt nur er eine hohe Versorgungssicherheit. Und nur bei einem Mix sind wir in der Lage, auf neue Herausforderungen – wie den Klimaschutz – rasch zu reagieren. Auch in Zukunft sind wir vor einem Wertewandel nicht sicher. Aufgrund seiner CO2-armen Verbrennung ist Erdgas bei vielen Politikern und bei Umweltorganisationen hoch angesehen. Doch was passiert, wenn dieser Rohstoff, den wir vor allem aus Russland beziehen, aus politischen Gründen rar wird?
bdw: Kommen wir nun zu neun populären Meinungsäußerungen, die ich kommentarlos zitiere. Was halten Sie von denen?
„Das Ende der Kernenergie in Deutschland ist beschlossen. An dem 2002 in Kraft getretenen Gesetz ist nicht zu rütteln!”
WAGNER: Realpolitisch ist das derzeit richtig. Richtig ist aber auch, dass die Politik inzwischen die CO2-Verringerung höher priorisiert als im Jahre 2002. Vor dem Hintergrund dieser neuen Einsparziele muss man sich tatsächlich darüber unterhalten, ob man den Kernenergiebeschluss in der bisherigen Form beibehalten sollte.
„Verbrennungsprozesse führen zu dramatischem Klimawandel. Neue Kohlekraftwerke zu bauen, ist daher das falsche Signal!”
WAGNER: Auf fossile Energieträger können wir vorerst nicht verzichten. Da die Speicherung von Strom aus Sonne und Wind noch nicht ausreichend möglich ist, können wir unsere Stromversorgung nicht nur auf diese beiden Beine stellen. In 30, 40, 50 Jahren mag das anders aussehen. Dann könnte das europäische Stromnetz so weit sein, dass man große Mengen Strom aus dem Mittelmeergebiet nach Mitteleuropa transportieren kann.
„Die Abscheidung von Kohlendioxid in Kraftwerken ist unwirtschaftlich, und die Endlagerung des CO2 birgt ähnliche Langzeitrisiken wie die der Kernenergie!”
WAGNER: In welchen geologischen Formationen Kohlendioxid auf Dauer eingelagert werden kann, ist bisher ungeklärt. Ein weiteres Problem ist die Akzeptanz. Für den CO2-Transport und die Einlagerung Akzeptanz zu erreichen, wird ein mühsamer Prozess sein.
„Für jede neue Windenergie-Anlage muss eine ähnliche Leistung über ein konventionelles Kraftwerk bereitgestellt werden!”
WAGNER: Das ist derzeit so und wird auch in den nächsten Jahrzehnten so bleiben.
„Windenergie-Anlagen und Solarkraftwerke sind Stromvernichtungsmaschinen. Sie erzeugen über viele Jahre hinweg nur jenen Strom, der bei ihrer Herstellung verbraucht wurde!”
WAGNER: Dies ist nach unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen falsch. Windanlagen haben meist nach einem halben Jahr – unter ganz pessimistischen Annahmen innerhalb eines Jahres – so viel Energie erzeugt, wie für ihren Bau und Betrieb notwendig war. Bei solarthermischen Anlagen gilt dasselbe. Bei der Photovoltaik sieht es etwas anders aus: Dort sind zwei bis drei Jahre Betriebszeit nötig, um den Verbrauch bei der Herstellung wettzumachen.
„Unsere wichtigste Energiequelle ist die Energieeinsparung. Im Drosseln des Stromverbrauchs liegt die größte Energieperspektive!”
WAGNER: Abgesehen davon, dass diese immer wieder gehörte Äußerung sprachlich daneben ist, weil Einsparung nun mal keine Quelle sein kann: Wir haben noch nennenswerte Einsparpotenziale. Auf der anderen Seite führt die gesteigerte wirtschaftliche Produktion in Deutschland gegenwärtig dazu, dass der Stromverbrauch wächst. Mit den Einsparpotenzialen allein können wir die Probleme bei der Umstrukturierung der Energieversorgung nicht lösen. Trotzdem – einsparen müssen wir.
„Der Strompreis für Privatkunden in Deutschland setzt sich zu rund 40 Prozent aus öffentlichen Abgaben und Steuern zusammen. Nur deshalb haben wir mit die höchsten Strompreise in Europa!”
WAGNER: Es trifft zu, dass der Rückgang der Erzeugungskosten dank der Liberalisierung durch zusätzliche staatliche Auflagen wie Ökosteuer, Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung, Erneuerbare-Energien-Gesetz und erhöhte Mehrwertsteuer für die privaten Stromverbraucher vollständig kompensiert worden ist.
„Die fast 100-prozentige Sicherheit der Stromversorgung in Deutschland ist in Gefahr. Künftig wird es auch bei uns zu länger andauernden Versorgungsengpässen kommen!”
WAGNER: Das wird der Fall sein. Das elektrische Netz ist inzwischen in einem Maße belastet, für das es nicht ausgelegt wurde. Ein Ausbau ist dringend nötig. Das dauert eine Reihe von Jahren. Zweitens sind die verfügbaren Kraftwerkskapazitäten erschöpft. Die älteren Kraftwerke müssen zum einen technisch bedingt dringend erneuert werden. Zum anderen haben neue Kraftwerke eine höhere Energieeffizienz und damit geringere CO2-Emissionen. Doch dem Neubau von Kohlekraftwerken fehlt die öffentliche Akzeptanz. Alle diese Überlegungen gehen davon aus, dass wir in Deutschland auch in den nächsten Jahrzehnten weiterhin energieintensive grundstoffbezogene Energien haben – beispielsweise die Stahlherstellung – und diese Arbeitsplätze nicht verloren gehen.
„Um die Ressourcen-Effizienz der Stromerzeugung zu steigern, müssen wir die Stromerzeugung dezentralisieren!”
WAGNER: Hier kommt es auf den Einzelfall an. Eine dezentrale Stromerzeugung ist nicht per se effizienter als eine zentrale. Ein mit Erdgas betriebenes Gas- und Dampfkraftwerk hat einen Stromerzeugungswirkungsgrad von fast 60 Prozent, eine dezentral eingesetzte Brennstoffzelle erreicht dagegen weniger als 40 Prozent. Selbst wenn man Wärme auskoppelt, ist der energetische Wirkungsgrad der Brennstoffzelle nicht besser.
bdw: Bitte noch ein letztes Statement zum deutschen Strommarkt. Wie sieht er 2015 aus, wie 2030?
WAGNER: 2015 werden wir im Wesentlichen die heutigen Energieträger nutzen. Bis dahin wird unser Stromverbrauch weiter steigen – wenn auch nur leicht. Danach wird der Verbrauch kompensiert durch das umgesetzte Einsparpotenzial. 2030 werden wohl 25 Prozent der Elektrizität aus erneuerbaren Energien stammen. Ich fürchte, dass wir 2030 keine deutschen Kernkraftwerke mehr im Netz haben werden, wohl aber importierten Kernenergiestrom. Die Diskussion um die Verlängerung der Betriebszeiten der Kernkraftwerke schleppt sich so, dass der Faden reißen kann. Eigene Kohle- und Gaskraftwerke werden wir auch 2030 betreiben.
Strom „made in Germany”
Inlandserzeugung in Terawattstunden (Milliarden Kilowattstunden), teilweise gerundet
1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 Anteil 2007
Steinkohle 150 146 147 143 143 138 147 134 145 22,8 %
Braunkohle 158 148 143 142 136 155 158 154 156 24,5 %
Kernenergie 147 154 154 170 170 171 165 163 141 22,2 %
Erdgas 36 33 41 48 52 56 61 71 75 11,8 %
Wasserkraft 19 22 25 22 25 28 24 27 28 4,4 %
Windenergie 0,1 0,6 1,5 3 6 11 19 27 40 6,3 %
Photovoltaik – – – – – 0,1 0,3 1,3 3 0,5 %
Bruttostromerzeugung 540,2 527,1 536,8 552,3 556,3 586,4 606,7 620,6 636,5
Veränderung zu 1991 – 2,5 % – 0,6 % + 2,2 % + 3,0 % + 8,6 % + 12,3 % + 14,9 % + 17,8 %
2007 wurde deutlich mehr Strom erzeugt und verbraucht als 1991. Auch sektoral hat sich die deutsche Bruttostromerzeugung seit dem ersten vollen Jahr nach der Wiedervereinigung bemerkenswert verändert: Deutlich zugenommen hat die Stromproduktion aus Erdgas und Windenergie. Die Photovoltaik spielt dagegen trotz ihrer hohen Wachstumsraten eine untergeordnete Rolle. Die zu 100 Prozent in der Tabelle fehlenden Anteile entfallen auf Mineralöl und „übrige” Energieträger.





