Das Gespräch führte SALOME BERBLINGER
Herr Prof. Rillig, was verstehen Sie unter den sogenannten Global-Change-Faktoren?
Es gibt drei Kriterien: Diese Faktoren sind global in ihrem Ausmaß, auf menschliches Handeln zurückzuführen und haben einen Einfluss auf Organismen. Letztlich beschreibt Global Change die Gesamtzahl aller menschlichen Auswirkungen auf Ökosysteme. Zu den Faktoren gehören etwa Mikroplastik oder Geräusche im Boden zum Beispiel durch landwirtschaftliche Maschinen. Den Klimawandel verstehen wir in der Forschung als Subgruppe des globalen Umweltwandels. Er interagiert mit anderen Global-Change-Faktoren, so reagieren Böden auf den Klimawandel etwa anders, wenn sie mit Mikroplastik belastet sind. Sie können in unterschiedlichem Maße Wasser speichern, verkraften entsprechend eine Dürreperiode entweder mehr oder weniger gut.
Matthias Rillig (*1968) leitet am Institut für Biologie der Freien Universität Berlin die Arbeitsgruppe Ökologie der Pflanzen. Gemeinsam mit dem Spiegel-Redakteur Jörg Blech hat er 2025 das Buch „Mutter Erde – Wie der Verlust des Bodens unseren Planeten bedroht“ im Ullstein Verlag veröffentlicht. Rillig ist Direktor des Berlin-Brandenburgischen Instituts für Biodiversitätsforschung sowie Mitglied der Leopoldina und der Academia Europaea. © Foto: privat
Wie untersuchen Sie die Global-Change-Faktoren in Ihrem Lab?
Wir führen Experimente durch, von stark kontrollierten Ansätzen im Labor bis zu Feldversuchen. Für ein derzeit laufendes Experiment haben wir Bodenproben im Landschaftskontext gesammelt, etwa eine Stunde westlich von Berlin. Im Labor untersuchen wir damit, welchen Effekt sich bewegende Böden haben: Wind führt zu Erosion und trägt Ackerboden vom Feld in angrenzende Wälder. Wie antwortet der Boden dort dann auf unterschiedliche Global-Change-Faktoren? Das hat noch niemand zuvor gefragt. Wichtig ist, dass es nicht nur darum geht, dass zum Beispiel Umweltchemikalien transportiert werden, sondern vor allem darum, wie diese dann am neuen Ort die Mikroorganismen verändern. Teil des Experiments sind rund 100 Behälter, gefüllt mit Boden, die in einer Klimakammer aufgebaut sind. Wir setzen die Böden den verschiedenen Einflüssen aus, simulieren zum Beispiel mit sich langsam erhitzenden Kabeln die Erwärmung.
Welche Auswirkungen lassen sich feststellen?
Allein die Anzahl der Faktoren erklärt viele Ergebnisse unserer Experimente. Welche Faktoren es sind – ob Salzstress, Antibiotika oder andere –, ist dabei zweitrangig. Aber je mehr Faktoren zusammenkommen, desto schlimmer der Effekt. Die negativen Auswirkungen addieren sich dabei nicht nur, sondern fallen noch stärker aus: Bodeneigenschaften verschlechtern sich, die Biodiversität nimmt ab – alles folgt diesem Prinzip. Wir beobachten das von der Petrischale bis zum Acker, also sowohl in den Laborexperimenten als auch im Feldversuch. Das ist schon ziemlich erstaunlich. Wir Menschen machen so viele Sachen, das ist wie ein Flickenteppich: hier Mikroplastik, da Schwermetalle – irgendwas ist immer. Und dieser Flickenteppich an kombinierten Faktoren hat eben große Auswirkungen.
Wie können wir Bodengesundheit erhalten?
Die gute Nachricht ist: Es hilft, wenn ich auch nur einen Faktor ausschalte. Etwas nicht zu tun, ist also auch eine Maßnahme für positives Bodenmanagement. Nicht zu pflügen oder keine Pestizide zu nutzen, beides unterstützt zum Beispiel die Bodengesundheit. Wir sehen außerdem, dass die Multifunktionalität mit mehr Management-Aktivitäten zunimmt: Geben wir etwa Kohlenstoff, Ton, symbiotische Pilze oder Helferbakterien zu, stimmen die Enzym-Leistung und der Nährstoffgehalt des Bodens eher. Nur dann kann der Boden wieder besser funktionieren und Ertragssicherheit garantieren. Die wissenschaftliche Diskussion hierzulande dreht sich inzwischen nicht mehr um Ertragssteigerung, sondern um die Frage: Wie lässt sich Boden nachhaltig bewirtschaften, sodass wir ihn auf lange Sicht nutzen können? Dabei bringt es nichts, die industrielle Landwirtschaft zu verteufeln. Wir brauchen sie, um Essen zu haben. Es kommt zu 90 Prozent aus dem Boden, nicht von woanders her. Und viele Landwirte schätzen ihren Boden und wissen um dessen Wichtigkeit. ■





