Sehr selten ist hingegen die sogenannte emotionale Synästhesie. Dabei gehen bestimmte Sinnesreize immer mit dem gleichen, meist sehr intensiven Gefühl einher. Ein Betroffener, von dem die kanadischen Neurologen im Zusammenhang mit dem aktuellen Fall berichten, verfiel beispielsweise immer in eine heftige depressive Verstimmung, wenn er mit der Hand über Jeansstoff strich. Bei einem anderen waren es die schon erwähnten Buchstaben-Farben-Kombinationen, die eine bestimmte Emotion auslösten.
Ein einziger Fall bekannt
Dass die Synästhesie die Betroffenen nicht von Geburt an begleitet, sondern die Folge einer späteren Verletzung des Gehirns ist, sei sogar noch seltener, berichten Tom Schweizer vom St. Michael’s Hospital in Toronto und seine Kollegen. In der Literatur sei bisher lediglich ein einziger weiterer Fall beschrieben, bei dem nach einem Schlaganfall eine Synästhesie erstmals auftrat. Allerdings handelte es sich hier um eine Kombination aus akustischen und taktilen Reizen: Immer wenn der Patient bestimmte Geräusche hörte, spürte er ein eigenartiges, kitzelndes Gefühl auf der Haut.
Der aktuelle Fall, bei dem der Betroffene anonym bleiben möchte, ist demnach bisher einzigartig, konstatieren die Neurologen. Denn der Schlaganfallpatient berichtet über mehrere wirklich außergewöhnliche Empfindungen. Zum einen kann er es seit seinem Schlag kaum ertragen, in Blau gedruckte Texte zu lesen, so stark ist das damit einhergehende Ekelgefühl. Gelbe Texte empfindet er ebenfalls als widerlich, das Gefühl ist jedoch nicht ganz so stark wie bei den blauen. Auch sein Geschmackssinn ist betroffen: Seit Neuestem schmecken Himbeeren für ihn “blau”.
Noch kurioser mutet jedoch eine weitere Sinnes-Emotions-Kombination an: Wenn der Patient Musik hört, die von hohen Blechblasinstrumenten gespielt wird – ein sehr eindrückliches Beispiel ist hier offenbar die Titelmelodie der James-Bond-Filme – fühlt er sich, als “würde er auf der Musik reiten”, wie er selbst es beschreibt. Gleichzeitig empfindet er eine ausgeprägte Euphorie, nach eigenen Angaben ist das Gefühl sogar “orgiastisch”. Dass gleichzeitig am Rand seines Gesichtsfeldes ein blaues Flackern auftaucht, erscheint da schon fast nebensächlich.
Beweis im Kernspintomographen
Diese Gefühle sind dabei keineswegs eingebildet, konnten Schweizer und sein Team nachweisen: Anderthalb Jahre nach dem Schlaganfall und circa neun Monate, nachdem der Betroffene zum ersten Mal mit den Ärzten über das Phänomen gesprochen hatte, untersuchten sie den Mann mit der funktionellen Magnetresonanztomographie. Bei diesem Verfahren kann man sichtbar machen, welche Hirnregionen gerade aktiv sind und welche nicht. Zum Vergleich erfassten die Neurologen auch die Hirnaktivität von sechs gesunden Kontrollprobanden, die ähnlich alt waren wie der Patient und über einen ähnlichen Bildungsgrad verfügten.





