Wanderfalter wie die Gammaeule können mit einer Fluggeschwindigkeit von über 50 Kilometern pro Stunde in nur einer Nacht Strecken von mehr als 300 Kilometern zurücklegen, indem sie sich vom Wind treiben lassen. Allerdings sind die Falter kein passives Treibgut, sondern können Richtung und Geschwindigkeit ihres Fluges beeinflussen. Dabei greifen sie möglicherweise sogar auf einen internen Kompass zurück, berichten Forscher um Jason Chapman vom englischen Rothamsted-Forschungszentrum in Hertfordshire.
Seit vielen Jahren sei spekuliert worden, ob Insekten, die sich über den Wind ausbreiten, Kontrolle über ihre Flugrichtung haben, sagt Jason Chapman. “Wenn sie keinerlei Kontrolle haben, würde der größte Teil einer Population in unpassende Richtungen verweht werden und sterben. Das wird als “Rattenfänger-Effekt” bezeichnet”.
Dank neu entwickelter Radaranlagen konnten die Forscher nun das Flugverhalten der Insekten in großer Höhe analysieren. Die Falter haben mehrere Möglichkeiten, ihre Wanderung zu beeinflussen, folgern die Forscher aus ihren Beobachtungen. So treten sie ihre Reise nur dann an, wenn der Wind grundsätzlich in die gewünschte Richtung weht. Außerdem variieren die Insekten ihre Flughöhe, um sich im Bereich der schnellsten Winde zu bewegen. Indem sie mit Rückenwind in Windrichtung fliegen, erhöhen sie ihre Geschwindigkeit. Am meisten überraschte die Forscher jedoch die Tatsache, dass die Tiere durch gezieltes Gegensteuern auch ihre Flugrichtung abändern können, wenn der Wind sie nicht genau ans gewünschte Ziel bringt.
Diese Fähigkeit war bislang nur bei Insekten bekannt, die tagsüber und in Bodennähe fliegen. Dass die untersuchten Nachtfalter auch in großer Höhe und bei Nacht dazu in der Lage sind, lässt für Jason Chapman nur einen Schluss zu: Die Motten müssen einen Kompass-Mechanismus besitzen, ähnlich dem von Zugvögeln. Der Forscher vermutet, dass diese Fähigkeit möglicherweise unter Insekten, die mit dem Wind reisen, weit verbreitet ist. Auch viele Schädlinge bewegen sich auf diese Weise fort. Da Insektenwanderungen mit der globalen Erwärmung immer häufiger werden, sei es wichtig, die Dynamik dahinter zu verstehen und vorhersagen zu können.
Jason Chapman (Rothamsted-Forschungszentrum, Hertfordshire) et al.: Current Biology, Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1016/j.cub.2008.02.080 ddp/wissenschaft.de ? Michael Böddeker





