Der Mensch verdankt sein Sprachvermögen nicht einem Urknall der Biologie. Forscher entschlüsseln jetzt die Bauteile, aus denen die Evolution es zusammengebastelt hat.
Um Worte ist Marc Hauser nicht verlegen. Schon gar nicht, wenn es um die Evolution der menschlichen Sprache geht. „Eine neue Phase der Erkenntnis” sieht der Forscher der Harvard University heranreifen und hat mit seinen Kollegen David Barner und Tim O’D onnell gleich eine neue Disziplin gegründet: „Evolingo”. Der Name soll die Verbindung von Evolutions- und Sprachforschung (Linguistik) verdeutlichen. Für überzeugte Biologen wie Hauser ist klar, „dass unsere Sprache im Tierreich verwurzelt sein muss – nur anders als wir dachten”. Kernpunkt der neuen Theorie: Sprache erwuchs nicht schrittweise aus dem Kommunikationssystem der Tiere, sondern indem verschiedene Fähigkeiten unserer tierischen Verwandten in einzigartiger Weise modulartig kombiniert wurden. „Was aus unserem Mund herauskommt”, sagt Hauser, „ist nur die offenkundige Seite von Sprache.” Sprache ist nicht zwingend ans Sprechen gebunden: Gehörlose reden mit Gebärden. Viel wichtiger sind die im Gehirn verborgenen neuronalen und geistigen Mechanismen, die Wort- und Satzbildung ermöglichen.
„Wir müssen Kommunikation und deren interne Grundlagen strikt trennen”, sagt Hauser. „Die einzelnen neurobiologischen Mechanismen sind wahrscheinlich schon vor langer Zeit in unterschiedlichen Tiergruppen entstanden.” Freilich für andere Zwecke, beispielsweise um in der Welt zu navigieren oder um Mengen in Einheiten zu packen. So haben die Harvard-Leute in Verhaltensexperimenten entdeckt, dass Rhesusaffen einen „ Mengensinn” haben und Singular von Plural unterscheiden können. Die frühen Menschen griffen auf das Prinzip zurück und integrierten es in die Grammatik. „Erst seine komplexe Sprache”, meint Marc Hauser, „macht den Menschen zum Menschen.” Daran zweifelt kein Gelehrter. Die Diskussion um den Ursprung der Sprache bleibt dagegen ein Feld mehr oder minder plausibler Theorien und Spekulationen. Die entscheidenden Fragen lauten heute: Welche Algorithmen im Gehirn des Homo sapiens haben den wundersamen kommunikativen Kosmos eröffnet? Welche Gene sind daran beteiligt? Kommunizierten die Vormenschen in einer „ Proto-Sprache”? Reichen die Wurzeln unserer menschlichsten Gabe wirklich bis ins Tierreich zurück? Auf der Suche nach Antworten interpretieren die Forscher fossile Funde von Menschen und Vormenschen, um deren Sprachapparat und Verhalten möglichst genau zu rekonstruieren. Sie analysieren die Struktur von Worten und Sätzen. Sie untersuchen Gene. Sie erkunden, wie das Gehirn Sprache ermöglicht. Und natürlich erforschen Biologen, wie, wann und warum Tiere schnurren, meckern, grunzen, kreischen oder quaken.
VÖGEL ZWITSCHERN KEine SYMBOLE
Doch die Bilanz ist ernüchternd: Bislang haben die Wissenschaftler kein anderes Lebewesen gefunden, das eine begrenzte Zahl von Lauten zu Silben und symbolhaften Worten zusammenfügt, mit diesen Symbolen nach Lust und Laune Dinge und Ereignisse benennt und die Worte sinnvoll zu Sätzen kombiniert. Gerade die Grammatik – Regeln zur Anwendung sprachlicher Einheiten – gilt als Königdisziplin der Spezies Mensch. So gesehen unterscheiden sich die Kommunikationssysteme von Affen und Delfinen, Vögeln und Hunden fundamental von der Sprache des Homo sapiens. „Geradezu bizarr groß sind die Differenzen”, sagt die Göttinger Verhaltensbiologin Julia Fischer, die das Kommunikationsvermögen verschiedener Tierspezies erforscht. Tatsächlich findet sich keine Spur von flexibler Semantik in den Lauten von Vierbeinern und Vögeln! Von Grammatik ganz zu schweigen!
Entsprechend langweilig finden Linguisten die bisherigen Erkenntnisse. Deshalb konzentrieren sich Evolingo-Begründer Hauser und seine Mitstreiter nicht mehr nur auf die Lautsysteme der Tiere, sondern auf sämtliche Prinzipien, die den Sprachmechanismen des Menschen ähneln. Die Evolution hat sich überall im großen Baukasten der kognitiven Module des Tierreichs bedient, als sie den frühen Menschen zur Sprache verhalf, meint Hauser. Seine Theorie hat er zusammen mit dem Altmeister der Linguistik Noam Chomsky und dessen Kollegen Tecumseh Fitch entworfen.
VERSTECKTE TALENTE IM ERBGUT
Vögel und Wale beispielsweise kombinieren – ähnlich wie Menschen – aus einzelnen Lauten komplex-filigrane Melodien, haben also eine Art Syntax. Sie können die Lieder ihrer Artgenossen imitieren, genau wie der Mensch. Einschränkung: Vögel und Wale scheinen ihre akustischen Ergüsse niemals mit willkürlich zugeordneten, symbolhaften Bedeutungen zu belegen, über Semantik verfügen sie nicht. Affen hingegen, die stammesgeschichtlich näher mit uns verwandt sind als Vögel, vermitteln zumindest ansatzweise mit ihren Lauten eine Bedeutung. Allerdings ist ihr Repertoire beschränkt, und sie imitieren einander nicht. Kurz: Unsere nächsten Verwandten sind zwar nicht auf den Mund gefallen, aber auch keine Kommunikations-Genies (siehe Beitrag „Was Affen sich zu sagen haben”). Aber: Fähigkeiten, die sich heute nur bei entfernt verwandten Tieren wie Vögeln, Walen oder Elefanten zeigen (siehe Beitrag „Wenn Füße hören können”), könnten im genetischen Material von Affen und frühen Menschen erhalten geblieben sein, postulieren die Evolingo-Begründer. Sie müssten dann schon bei unseren gemeinsamen Vorfahren im Saurier-Zeitalter vorhanden gewesen sein. Dass es Gene für eine versteckte Fähigkeit im Erbgut eines Organismus geben kann, zeigen Studien an flügellosen Insekten: Sie besitzen die Erbanlagen für Flügel, ohne sie zu nutzen. „Verschiedene stillgelegte oder zuvor anderweitig genutzte Module wurden bei der Evolution unserer Vorfahren für grammatische Regeln umfunktioniert und zum einzigartigen Produkt Sprache verknüpft”, ist Hauser überzeugt. Sprache ist demnach die Synthese geistiger, linguistischer, sinnlicher, motorischer und anatomischer Fähigkeiten.
SPRACHZENTREN IM AFFENHIRN
Die Anatomie ist verräterisch: Kehlkopf und Zungenbein – jener Knochen, an dem der Zungenmuskel ansetzt – sind nur beim Homo sapiens tief in den Hals hinab abgesenkt. So ist beim Menschen ein großer Rachenraum entstanden, in dem die Zunge sich frei bewegen kann und sich Sprachlaute fein modulieren lassen. Schimpansen haben dagegen einen hoch liegenden Kehlkopf, der vor allem die Artikulation von Vokalen verhindert. Affenähnlich sehen auch die fossilen Zungenbeine des vor gut drei Millionen Jahren lebenden, schon aufrecht gehenden Vormenschen Australopithecus afarensis aus, der sicher nicht sprachfähig war. Bestimmte neuronale Voraussetzungen hatte aber wohl schon der gemeinsame Ahne von Schimpanse und Mensch. William Hopkins und seine Kollegen vom Yerkes-Forschungszentrum in Atlanta haben das Gehirn von Schimpansen mit der Magnet-Resonanz-Tomographie durchleuchtet, die die Struktur einzelner Hirnregionen sichtbar macht.
Ergebnis: Das Broca-Areal und das Wernicke-Areal sind in der linken Hirnhälfte deutlich größer als rechts. „Genau wie bei uns” , sagt Hopkins. Beide linksseitigen Hirnregionen sind sowohl für eine funktionierende Sprachmotorik unabdingbar als auch – bei Rechtshändern – verantwortlich für die Spezialisierung auf die Motorik der rechten Hand. Hopkins ist sicher: „Schon der letzte gemeinsame Vorfahr von Vormenschen und Schimpansen sowie die ersten Vormenschen wie Australopithecus und Homo erectus besaßen ausgeprägte linksseitige Broca- und Wernicke-Areale.” Der Befund stützt jene Experten, die Homo erectus eine rudimentäre „ Proto-Sprache” zuschreiben – wie Derek Bickerton von der University of Hawaii. Ihr Wesen bleibt jedoch im Dunkeln, denn von Homo erectus fehlen fossile Funde, die von dessen Sprachfähigkeit zeugen könnten. Für den Sprachforscher Steven Pinker von der Harvard University ist die Proto-Sprache nur einer von vielen Schritten zu einer vollendeten Sprache mit Syntax. Für andere wie Bickerton gab es keine Zwischenphasen – ohne dass er erklären könnte, warum es mehr als anderthalb Millionen Jahre brauchte, bis die Evolution den Menschen mit ihrem Meisterstück beglückte.
SPRACH-GEN BEIM NEANDERTALER
Immerhin ist klar, dass erst das dreimal größere und leistungsfähigere Gehirn des Homo sapiens eine Sprachleistung ermöglichte, die über das Aneinanderreihen von Wörtern hinausging. Vor allem wuchs der höchstentwickelte Teil unseres Denkorgans, die Großhirnrinde. Hier ist der Sitz unseres sozialen Bewusstseins – und der Sprache. Marc Hauser will sich gar nicht an der Diskussion um eine Proto-Sprache beim Homo erectus beteiligen: „Wirklich sprachfähig ist nur der Homo sapiens.” Oder doch zumindest der Neandertaler? Vor ungefähr 700 000 Jahren trennten sich die Entwicklungslinien von Mensch und jener Hominiden-Art, die erst vor knapp 30 000 Jahren ausstarb und ebenfalls ein sehr großes Gehirn besaß, dem Neandertaler. Er hatte exakt die gleiche Variante des „FOXP2-Gens” in seinem Erbgut wie der moderne Mensch. Das hat das Team um Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig im Oktober 2007 entdeckt. Dieses Gen besitzen zwar auch Vögel, Affen und sogar Reptilien. Doch schon geringe Abweichungen in seinem Aufbau verändern seine Funktion. Nur die menschliche Variante hat etwas mit Sprache zu tun – vermutlich mit der Steuerung der Sprachmotorik oder mit dem Bau von Sätzen (siehe Beitrag „Das Gen, das Sprache schafft”). „Aus Sicht dieses Gens”, sagt Krause, „konnte der Neandertaler in unserem Sinne sprechen.” ■
von Klaus Wilhelm
KOMPAKT
· Bei der Entstehung des menschlichen Sprachvermögens hat die Evolution nicht nur auf das Lautsystem unserer tierischen Vorfahren zurückgegriffen.
· Auch das Gesten-Repertoire verwandter Primaten, ihr Gefühl für soziale Hierarchien und ihr Mengensinn wurden wahrscheinlich für Sprachzwecke umfunktioniert.
Lausen und lausen lassen
Beim Menschen kontrolliert das Broca-Areal im Gehirn vorzugsweise die Produktion von Lauten – beim Affen hingegen die Handbewegungen. Deshalb, vermuten manche Forscher, habe sich die menschliche Sprache aus Gesten entwickelt. Vor allem gefangene Schimpansen gestikulieren häufig. Als der populäre Primatenforscher Frans de Waal und seine Kollegin Amy Pollick zwei Bonobo-Gruppen im Zoo und zwei Schimpansen-Gruppen in einem Primatenforschungszentrum beobachteten, konnten sie 31 Gesten und 18 lautliche und mimische Signale unterscheiden. Während die Laute der beiden Spezies sich in der Bedeutung gleichen, haben die Gesten der Schimpansen oft eine andere Bedeutung als die der Bonobos. Vor allem verwenden Bonobos oft Kombinationen aus Gesten und Lauten, die offenbar von den Empfängern verstanden werden. De Waal und Pollick vermuten, „dass das variable Gestik-Repertoire der Bonobos und ihre hohe Empfänglichkeit für kombinierte Signale auch unsere frühen Vorfahren ausgezeichnet haben” – was ein wesentlicher Vorläufer für die Entwicklung symbolischer Kommu-nikation gewesen sein könnte.
„Bei wilden Affen sind die Belege für eine Kommunikation über Gebärden dürftig”, sagt die Verhaltensbiologin Julia Fischer von der Universität Göttingen. Allerdings entdeckte ihre Kollegin Simone Pika von der St. Andrews University in Edinburgh Gestik auch bei frei lebenden Schimpansen – und zwar bei der gegenseitigen Fellpflege. Mit einer Kratzgeste vermitteln die Tiere ihren Artgenossen, welche Stellen im Fell der Pflege bedürfen. In zwei von drei Fällen wurde die Bitte umgehend erfüllt.
Mehr Platz im Rachen
Damit Sprechen möglich wurde, mussten nicht nur die kognitiven Leistungen besser werden, auch der Stimmapparat musste sich neuen Anforderungen anpassen: Beim Schimpansen (links) liegt der Kehlkopfdeckel über dem Gaumensegel und trennt die Wege für Atmung und Nahrung im Hals. Beim Neandertaler – und deutlicher noch beim modernen Menschen – hat die Evolution diese Trennung aufgegeben (Nebenwirkung: Menschen können sich verschlucken) und dafür mehr Platz im Rachen geschaffen. Die Folge: Menschen können eine größere Vielfalt von Lauten produzieren – zahlreiche Konsonanten und vor allem klare Vokale.
Von der Affenpolitik zum MENSCHLICHEN Satzbau
Alltag bei Pavianen: Das Alpha-Männchen grunzt drohend, daraufhin schreit, voller Angst, das „angesprochene” niederrangige Tier. In einem ihrer vielen Experimente im Busch Botswanas drehten Dorothy Cheney und Robert Seyfarth von der University of Pennsylvania den Spieß um. Sie spielten den Tieren eine Lautsequenz vor, in der ein niederrangiger Pavian einen Droh-Grunzer ausstößt, gefolgt von einem Schrei des Alpha-Tiers. Die Folge: Die Tiere waren verwirrt, weil ihre Sozialordnung durcheinander geraten schien. Die Reaktion verdeutlicht, was im Kopf der Tiere vorgeht. Sie wissen: „A dominiert B”. Und sie wenden ihr Wissen an, wenn, wie im Experiment, etwas die hierarchische Ordnung stört.
Offenkundig können die Affen den Strom von Lauten in einzelne Elemente decodieren, deren Bedeutung erkennen und die Bedeutung zu einem satzartigen Gedanken kombinieren. „Das machen wir auch, wenn wir einen Satz zergliedern”, sagt Seyfarth. Zumindest was die Wahrnehmung und Deutung von Lauten betrifft, sind die Fähigkeiten von Pavianen sprachähnlich. Das, so der US-Forscher, gehört zum evolutionären Erbe der frühen Menschen. Als sie begannen, Laute zu gesprochener Sprache zu formen, „waren die Zuhörer dafür bereit”.
Nach anderthalb Jahrzehnten Pavian-Beobachtung gehen Cheney und Seyfarth noch weiter. Ihrer Überzeugung nach ist die hierarchische Struktur der Gruppe im Gehirn der Affen verankert. Das heißt: Ihr Oberstübchen verfügt über ein neuronales System, das Hierarchien erkennt und strukturiert. „Diese Repräsentation der Sozialstruktur”, meint Robert Seyfarth, „ähnelt hierarchischen Strukturen im Satzbau.” Ein Beispiel ist die Reihung „Hund beißt Mann” – erst Subjekt, dann Prädikat, dann Objekt. Ein anderes ist die Dominanz des Hauptsatzes über den Nebensatz. Der Homo sapiens, so die Biologen, habe das hierarchische Modul des Soziallebens für seine Syntax genutzt.





