Der Regen gestern Abend hat die Landschaft durchtränkt, doch jetzt, am Morgen danach, bricht langsam der Himmel auf. Leise rauschen die Fahrradreifen über den feuchten Asphalt. Der Weg führt ostwärts, zur Moldau. Ein paar Hundert Meter vor dem Fluss beginnen auf der linken Seite die Wiesen. Am Waldrand hängt noch eine Nebelbank. Plötzlich springen zwei große, rostbraun gefärbte Tiere durchs hohe Gras: Rothirsche. Es sind beides Männchen mit kräftig entwickelten Geweihen; ein schöner und nicht alltäglicher Anblick. Die Vierbeiner verschwinden eiligst ins nächste Waldstück. Man freut sich über die unerwartete Begegnung und fährt weiter. Der Tag hat gut angefangen.
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Text: Kurt de Swaaf
Der Regen gestern Abend hat die Landschaft durchtränkt, doch jetzt, am Morgen danach, bricht langsam der Himmel auf. Leise rauschen die Fahrradreifen über den feuchten Asphalt. Der Weg führt ostwärts, zur Moldau. Ein paar Hundert Meter vor dem Fluss beginnen auf der linken Seite die Wiesen. Am Waldrand hängt noch eine Nebelbank. Plötzlich springen zwei große, rostbraun gefärbte Tiere durchs hohe Gras: Rothirsche. Es sind beides Männchen mit kräftig entwickelten Geweihen; ein schöner und nicht alltäglicher Anblick. Die Vierbeiner verschwinden eiligst ins nächste Waldstück. Man freut sich über die unerwartete Begegnung und fährt weiter. Der Tag hat gut angefangen.
Rothirsche, zoologisch Cervus elaphus, sind hier im tschechischen Nationalpark Šumava nahe dem Dreiländereck mit Deutschland und Österreich keine Seltenheit – kein Wunder, denn das Gebiet bietet ihnen prima Lebensbedingungen. Das Nahrungsangebot ist vielseitig, das Klima nicht allzu rau, und es gibt vor allem jede Menge Ruhezonen, in denen der Mensch keinen oder kaum Zutritt hat. Abgesehen davon können sich die Tiere in der gesamten Region frei bewegen. Und sogar darüber hinaus. Diese Mobilitätsperspektive ist nicht unwichtig. Rothirsche wandern nämlich gerne. Sie wechseln zwischen Sommer- und Winterquartieren, die Männchen gehen zur Brunftzeit auch über längere Distanzen auf Partnersuche. In Österreich und Tschechien dürfen sie das, Deutschland dagegen setzt ihnen oft enge Grenzen. Die meisten süd- und westdeutschen Bundesländer haben sogenannte Rotwildgebiete festgelegt. Nur dort sollen sich die Hirsche aufhalten, außerhalb droht den Tieren per Gesetz der sofortige Abschuss. Der Hintergrund: Vielen Forstleuten gelten die Pflanzenfresser als üble Waldschädlinge. Im Winter, wenn anderes Futter knapp ist, schälen sie Bäumen häufig die Rinde ab. Aber das ist nur eine Seite der Medaille.
Ohne große Säuger gäbe es unseren Wald so nicht
Wälder werden seit Beginn der planmäßigen Forstwirtschaft vor etwa 250 Jahren zunehmend als Produktionseinheiten betrachtet, als Holzäcker, sozusagen. Diese Sicht greift natürlich viel zu kurz. Ohne das Zusammenspiel unzähliger kleiner und großer Organismen gäbe es ihn nicht, den geliebten und romantisch oft verklärten „deutschen Wald“. Hungrige Huftiere gehören dazu. „Rothirsche sind ökologisch wichtig“, betont der Wildtierökologe Marco Heurich von der Universität Freiburg/Breisgau. Sie fungieren unter anderem als Samenverbreiter, erläutert der Forscher. Cervus elaphus ist deshalb nicht nur ein Pflanzenvertilger; er gestaltet die Vegetation mit – ein Öko-Ingenieur. Ähnliches gilt auch für andere große Waldsäuger wie Wisente, Elche, Wildschweine, Wölfe und Luchse. Sie alle prägen den Lebensraum und die Lebensgemeinschaften auf ihre spezifische Weise und tragen so zu Artenvielfalt und ökologischer Resilienz bei. Wenn man sie lässt.
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Im Šumava treten die meisten der genannten Waldgestalter inzwischen wieder gemeinsam auf, nur der Wisent fehlt noch. Von den Elchen hat ein kleiner Restbestand überlebt, die südlichste Population Europas. Luchse wurden wieder angesiedelt; die Wölfe sind vor ein paar Jahren von selbst zurückgekehrt. Wie die Arten dort miteinander agieren, wurde noch nicht genauer erfasst. Marco Heurich hat allerdings, zusammen mit einigen tschechischen Kolleginnen, die Ernährungsgewohnheiten der Rothirsche im Šumava und dem angrenzenden Nationalpark Bayerischer Wald (ein ausgewiesenes Rotwildgebiet) untersucht. Den Studienergebnissen zufolge frisst Cervus elaphus sowohl Gräser und krautige Vegetation, als auch Gehölze, diese vornehmlich im Winter. Zur letzteren Kategorie gehören unter anderem Beeren, Baumknospen und junge Zweige mit Blättern. Im Winter greifen die tschechisch-deutschen Hirsche offenbar verstärkt auf Baumtrieb und Heidelbeeren zurück. Gut ein Viertel ihrer Nahrung besteht dann aus diesem Grünfutter. Für junge Tannen & Co. hat das natürlich üble Folgen. Verbissene Bäumchen sind oft dauerhaft wachstumsgeschädigt oder sterben ganz ab.
Die Vorliebe der Vierbeiner für Konzentrate kann jedoch auch wichtige ökologische Vorteile bringen. Einer der Nutznießer ist das in Deutschland vom Aussterben bedrohte Auerhuhn (Tetrao urogallus), dessen Bestände hierzulande seit Jahrzehnten schwinden. Hauptschuldige ist die intensive Forstwirtschaft.
Im Nationalpark Nordschwarzwald hält sich eine halbwegs stabile Auerhuhnpopulation; sie ist aber zu klein, um das Überleben der Art in der Schwarzwaldregion allgemein zu sichern. Dafür bräuchte es womöglich mehr Rotwild, meint Marc Förschler, Biologe der Parkverwaltung. In erster Linie würden die Jungvögel profitieren, erklärt der Experte. Auerhuhnküken sind gewissermaßen Warmduscher. Kühlen sie mit nassem Gefieder aus, werden sie schnell krank. Und das passiert öfter, wenn sich die Kleinen durch dichtes Gestrüpp einen Weg bahnen müssen – gerade in Heidelbeerdickicht. Cervus elaphus schafft Abhilfe. Die Hirsche fressen die Heidelbeerbüsche kurz und senken so indirekt die Kükensterblichkeit. Der Auerhuhnbestand im Šumava und Bayerischen Wald ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. 2011 wurden dort insgesamt 550 Exemplare ermittelt, Anfang 2023 waren es 867.
Auch anderen Arten nutzt die Präsenz großer Pflanzenfresser. Rothirsche und Wildschweine mögen Schlammbäder und suchen dazu regelmäßig bestimmte Tümpel oder nasse Erdkuhlen, sogenannte Suhlen, auf. Die sich herumwälzenden Tiere halten solche Feuchtbiotope frei von Bewuchs. Das wiederum mögen die Waldschnepfen (Scolopax rusticola). Diese sehr scheuen Vögel finden in den Suhlen reichlich Futter: Insektenlarven und Würmer. Besonders wichtig sind die Vierbeiner allerdings für die Pflanzenwelt. Zahlreiche Gewächse benötigen für eine effiziente Samenverbreitung tierische Hilfe. Biologen bezeichnen diese Dienstleistungen als Zoochorie. Säuger und Vögel, aber auch Insekten wie zum Beispiel Ameisen, transportieren Saatgut über bestimmte Entfernungen hinweg und ermöglichen dadurch die Besiedelung neuer Standorte und die Aufrechterhaltung des Genflusses zwischen unterschiedlichen Pflanzenpopulationen. Ein essenzieller Prozess.
Die Verbreitung findet auf verschiedenen Wegen statt. So einige Pflanzenspezies haben Häkchen an ihren Samen, womit diese ein vorbeigehendes Tier quasi entern können und an dessen Pelz hängen bleiben – bis sie irgendwann andernorts wieder abfallen. Gewächse mit nahrhaften Früchten, darunter Brombeeren, Vogelkirschen und Holzäpfel, setzen stattdessen auf einen Transport im Magen-Darm-Trakt ihrer Spediteure. Das Essbare wird verdaut, der Kern später unbeschädigt ausgeschieden. Manche Pflanzen nutzen gar beide Optionen. Wegericharten der Gattung Plantago verfügen über sogenannte Klebsamen, die gut an Hufen (und Schuhsohlen von Menschen) haften. Sie werden jedoch auch von Grasern gefressen und gelangen dann mit dem Kot noch keimfähig wieder in die Umwelt.
Ein französisches Forschungsteam hat das Zoochorie-Potenzial von Rothirschen, Rehen und Wildschweinen mithilfe von GPS-Sendern untersucht. Solche Geräte liefern genaue Daten über die Bewegungsmuster der damit ausgestatteten Tiere. Die Ergebnisse der Studie zeigten eine interessante Aufteilung. Demnach haben Rothirsche und vor allem Wildschweine deutlich größere Streifgebiete als ihre kleineren Mitbewohner und legen auch längere Distanzen zurück. Die Rehe indes bewegen sich engmaschiger; sie begehen ihre Lebensräume intensiver. Wildschweine wiederum scheiden im Vergleich zu den beiden Hirscharten pro Individuum mehr Samen aus. Das heißt: Alle drei Arten sind in ihrer Wirkung bei der Samenverbreitung unterschiedlich, ergänzen sich aber aus Sicht der Pflanzen bestens. Der ganze Lebensraum wird abgedeckt, das Prinzip Vielfalt bietet maximale Effizienz.
Des einen Freud kann allerdings auch des anderen Leid bedeuten. Der mitunter erstaunliche Appetit von Wildschweinen bereitet zum Beispiel Eichen manchmal Probleme. Dries Kuijper, Biologe am Säugetier-Forschungsinstitut der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Białowieza, hat dies aus nächster Nähe beobachtet. Der berühmte Białowieza-Nationalpark im Grenzgebiet zwischen Polen und Belarus umfasst einen von Europas letzten großen Urwäldern mitsamt einigen wertvollen Eichenbeständen. Deren natürliche Verjüngung war lange praktisch ausgefallen, wie Kuijper erzählt. Das lag hauptsächlich an den Wildschweinen. Das Schwarzwild fraß jährlich riesige Mengen Eicheln, den Rest vertilgten Mäuse. „Es blieb nichts übrig.“ Ohne Eicheln kein Eichennachwuchs, logisch. Vor etwa zehn Jahren dezimierte die Afrikanische Schweinepest, eine für die Tiere meist fatale Viruserkrankung, die Wildschweinpopulation auf etwa ein Zehntel ihrer ursprünglichen Größe. „Das hat zu einer enormen Regeneration von Eichen geführt“, berichtet Kuijper.
Wildschweine verbessern die Bodeneigenschaften
Ob der Wildschweinschwund auch negative ökologische Folgen hat, weiß derzeit niemand. Es ist aber nicht unwahrscheinlich. Vermutlich kommt es darauf an, wie dicht eine Population sein muss, um ihre essenziellen Leistungen noch vollbringen zu können. Denn Sus scrofa, sprich das Wildschwein, ist nicht nur als Samenverbreiter aktiv. Die Schwarzkittel durchwühlen den Waldboden und beeinflussen so die physischen und chemischen Eigenschaften vor allem der oberen Schichten. Auf umgegrabenen, offenen Stellen haben junge Bäumchen einen besseren Start, erklärt Dries Kuijper. Über ihren Urin und Kot tragen Wildschweine zudem zum Nährstoffrecycling bei, und sie sind Allesfresser, die auch Aas nicht verschmähen. Wirklich vielseitige Tiere.
Die Wirkungsbilanz einer Spezies, also ob sie dem ökologischen Gefüge zugutekommt oder eher schadet, hängt letztlich vom viel beschworenen „natürlichen Gleichgewicht“ ab – welches jedoch niemals statisch, sondern immer dynamisch, sozusagen fluide, ist. Solche Zusammenhänge lassen sich gerade im Białowieza-Nationalpark hervorragend studieren, betont Dries Kuijper. Große Teile des Schutzgebiets seien komplett dem menschlichen Zugriff entzogen, sogar die Jagd wurde dort eingestellt. Die Natur könne frei walten und gestalten. „Da kann man sehen, was passiert, wenn man nichts tut“, meint der Biologe. Besonders interessant ist, dass der Białowieza-Wald fast alle mitteleuropäischen Grosssäugerarten (wieder) beherbergt, Wisente inklusive.
Wie die Pflanzenfresser den Bewuchs prägen, lässt sich an einigen faszinierenden Details beobachten. So sind Holzäpfel (Malus sylvestris) und Wildbirnen (Pyrus pyraster) im Białowieza-Wald auffallend häufig. „Die gedeihen hier sehr gut“, sagt Dries Kuijper. Der Zoochorie sei dank.
Äsende Hirsche und andere Herbivoren schaffen zudem eine mosaikartige Vegetationsstruktur, erklärt der Forscher. Sie fressen häufig selektiv, mit einer Vorliebe für bestimmte Pflanzenarten, und auch unterschiedlich stark an unterschiedlichen Orten. Letzteres wird von den Raubtieren begünstigt, vor allem durch den Wolf, erläutert Kuijper. Die Graupelze jagen nämlich nicht überall gleichmäßig. Dadurch, dass sie in manchen Bereichen oft auf die Pirsch gehen, in anderen dagegen eher selten oder gar nicht, schaffen die Karnivoren die sogenannten „landscapes of fear“, zu Deutsch „Landschaften der Angst“. Hirsche & Co. meiden bestimmte Areale, weil sie dort die Wölfe vermuten. Die Vegetation an solchen Stellen wird geschont und kann sich anders entwickeln als die Pflanzengesellschaften in den stärker von Huftieren frequentierten Zonen. Das fördert die Biodiversität.
Rothirsche sind im Białowieza-Nationalpark die Hauptbeute der Wölfe, in anderen Teilen Europas dagegen stehen oft die Wildschweine ganz oben auf Isegrims Speiseplan. Der zweitwichtigste Prädator, der Luchs, hat ein ganz anderes Profil, betont Dries Kuijper. Die bis zu 1,10 Meter langen und 29 Kilo schweren Katzen ernähren sich hauptsächlich von Rehen. 50 bis 70 Tiere erlegt ein Exemplar jährlich. Der Luchs ist ein sehr subtiler Jäger und stets alleine unterwegs, erläutert Dries Kuijper. „Er taucht unerwartet an verschiedenen Orten auf.“ Das behindere die Erforschung seiner Taktik und seiner ökologischen Wirkung. „Wir blicken da nur schwer durch.“ Dennoch sei klar, dass auch die Pinselohren ihre eigenen „landscapes of fear“ kreieren. Die unterscheiden sich allerdings deutlich von denen der Wölfe, meint Kuijper. Kommen beide Raubtierarten gemeinsam vor, wird die Landschaftsstruktur noch diverser. Es entstehen mehr Mikrohabitate, berichtet der Biologe. Auch hier gilt wieder: Vielfalt ist Trumpf.
Die Verfolgung des Wilds durch Beutegreifer schützt also Bäume und Unterwuchs vor Übernutzung, während die Huftiere ihrerseits für eine reich strukturierte Vegetation sorgen. Direkte und indirekte Effekte wirken gemeinsam. Die enorme Komplexität dieses Zusammenspiels wirft für die Wissenschaft allerdings noch sehr viele Fragen auf. Unzählige weitere Spezies sind ebenfalls beteiligt, darunter Kleinsäuger, Vögel, Insekten und sogar Viren.
Die Erforschung der Waldökologie steckt praktisch noch in den Kinderschuhen. Vielleicht lag der Fokus auch zu lange auf rein forstwirtschaftlichen Aspekten, was zur häufig negativen Wahrnehmung von Rehen, Hirschen und Wisenten als Schädlinge geführt hat. Nicht alle Baumarten leiden gleich stark unter den hungrigen Huftieren, wie Dries Kuijper erläutert. Im Białowieza-Wald wachsen Lichtungen schon innerhalb von 20 Jahren wieder komplett zu, trotz der vielen Rothirsche. Dort sind dann Hainbuchen (Carpinus betulus) und Winterlinden (Tilia cordata) tonangebend. Beide Spezies können den knabbernden Mäulern dank Spezialwuchs – viele Seitenäste bilden ein buschartiges Bollwerk um die Baumhauptachse – gut standhalten.
Die wenigen Raubtiere begrenzen das Rotwild nicht
Den von Forstleuten – für den Aufbau klimastabiler Wälder – bevorzugten Baumarten wie Tanne (Abies alba) und Eichen (Quercus ssp.) setzen die Hirsche durchaus zu. Mancherorts können sich deren Bestände kaum noch natürlich verjüngen. In bewirtschafteten Wäldern sei es somit sinnvoll, die Wildpopulationen zu begrenzen, meint Marco Heurich. Eine Aufgabe für die Raubtiere? Nicht wirklich. Es gibt bislang einfach zu wenige Wölfe und Luchse, um die zahlreichen Herbivoren im Zaum zu halten, erklärt Heurich. Das werde sich sobald auch nicht ändern, weshalb auch eine Bejagung durch den Menschen in den meisten mitteleuropäischen Waldgebieten weiterhin vonnöten sei.
Dass Prädatoren oft eh nicht der wichtigste limitierende Faktor sind, ist in der Ökologie schon lange bekannt. Die Populationsgrößen von Beutetieren werden häufig viel stärker vom Nahrungsangebot und abiotischen Faktoren wie Wetterbedingungen bestimmt. In solchen Fällen können die Karnivoren quasi nur hinterherlaufen. Ein selten gesichteter Waldbewohner ist dafür ein gutes Beispiel: Strix aluco, der Waldkauz, dessen leicht schaurig klingende Rufe auch in stadtnahen Wäldern und Parks zu hören sind – vorausgesetzt, die nachtaktiven Vögel finden dort genug Futter und, ganz wichtig, geeignete Nistplätze. Die Eulenart kommt in fast ganz Europa vor. Bisher gilt sie als nicht gefährdet, doch in Teilen Skandinaviens geht ihre Zahl seit Jahren beständig zurück. Die Ursachen dürften zweierlei sein. Patrik Karell, Biologe an der schwedischen Universität Lund, hat die Populationsdynamik des Strix aluco in Südfinnland genauer unter die Lupe genommen.
Seit 1975 werden dort in einigen Gebieten kontinuierlich Nistkästen installiert und die Waldkauzterritorien erfasst. Ab 1982 gab es zudem jährliche Bestandserhebungen unter den Kleinsäugern. „Waldkäuze sind generalistische Prädatoren“, erklärt Karell. Sie ernähren sich bevorzugt von Mäusen, fressen aber auch kleine Vögel, Amphibien und sogar Würmer. Bei den fennoskandinavischen Eulen nehmen Wühlmäuse wie die Erdmaus (Microtus agrestis) und die Rötelmaus (Clethrionomys glareolus) die Schlüsselposition im Speiseplan ein. Das Angebot an solchen Beutetieren schwankt allerdings stark, betont der Forscher. Ursprünglich variierten ihre Populationsgrößen in einem dreijährigen Rhythmus. Nach einer Massenvermehrung folgte normalerweise ein Jahr des Zusammenbruchs mit Wühlmausmangel; anschließend kam es zu einem mittleren Wiederanstieg und danach zur nächsten Bevölkerungsexplosion. Doch inzwischen ist auf diesen Zyklus kein Verlass mehr, berichtet Karell. Und das liege vermutlich am Klimawandel.
Forstwirtschaft lässt das Waldökosystem verarmen
Die Analyse der Daten aus den genannten Erhebungen ergibt ein deutliches Bild. Das durchschnittliche Aufkommen an Kleinsäugern nimmt in Südfinnland seit den 80ern parallel zur jährlichen Anzahl der Schneetage und den Waldkauzpopulationen ab. Dafür steigen die mittleren Wintertemperaturen. Auf den ersten Blick erscheinen diese Ergebnisse ungewöhnlich. Bekannt ist nämlich, dass die Eulen bei Tiefschnee weniger Jagderfolg haben. Das erhöht ihr Risiko, im Winter zu verhungern oder zumindest deutlich abzumagern, was die Chancen für eine erfolgreiche Reproduktion in der nächsten Brutsaison verringert. Ein anderer Effekt dürfte gleichwohl schwerer wiegen. Wühlmäuse können unter Schnee gut gedeihen, erklärt der Biologe Karell. Die weiße Decke schützt die kleinen Nager vor allzu niedrigen Temperaturen. Wenn aber durch instabile Witterung auf Tauwetter eine Frostperiode folgt, erfrieren viele der kleinen Wühlmäuse, berichtet der Biologe. Das lässt ihre Populationen langfristig schrumpfen und damit auch die Waldkauzbestände.
Man sollte allerdings nicht alles auf den Klimawandel schieben, ergänzt Patrik Karell. Da gibt es noch ein Problem: Die industrielle Forstwirtschaft habe in Südfinnland die Waldökosysteme großflächig verarmen lassen, was allen dort lebenden Tieren schade. Ein fortwährendes Trauerspiel. //
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