Die Lachszucht gerät wegen Umweltschäden und Tierschutzproblemen zunehmend in die Kritik. Nachhaltige Lösungen sind bislang nicht in Sicht, und auch die Produktion nach Biostandards scheint keine echte Alternative zu sein.
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Text: Kurt de Swaaf
Klar, das Bild wurde ganz bewusst gewählt, um zu schockieren: Jedem Betrachter fällt sofort das rosa leuchtende, nackte Fleisch auf. Dem Fisch fehlt der komplette Schwanz, trotzdem schwimmt er noch – irgendwie jedenfalls, mit offenem, augenscheinlich japsendem Maul. Kein schöner Anblick. Der angefressene Lachs dürfte starke Qualen leiden. Im Hintergrund sind weitere Artgenossen zu sehen. Sie alle sollen im Netzgehege einer Zucht umherschwimmen, in dem skandalöse Zustände herrschen. Das Foto prangte anklagend auf der Vorderseite eines 2023 veröffentlichten Berichts der britischen NGO „WildFish“ – vehemente Gegnerin der kommerziellen Lachszucht. Die ganze Industrie gilt in den Augen der Naturschutzorganisation als ökologischer und tierschutztechnischer Katastrophenfall.
Einst war Salmo salar, der Atlantische Lachs, eine begehrte und eher seltene Delikatesse. Er galt vielerorts als „Herrenfisch“; gefangene Exemplare mussten zum Teil an Herrscherhöfe abgegeben werden, und auf dem Fischmarkt erzielten sie meist Höchstpreise. Anfang des 20. Jahrhunderts brachen durch Überfischung, Wasserverschmutzung und Gewässerverbauung die Lachspopulationen in weiten Teilen Europas zusammen – der edle Fisch wurde endgültig zum Luxusgut. Eine radikale Wende setzte jedoch ab Ende der 60er mit dem Aufkommen der modernen Aquakultur ein. Salmo salar mag ein Wanderfisch mit einem komplexen Lebenszyklus sein, aber er lässt sich genau so einfach künstlich vermehren wie Forellen und andere Vertreter der Salmoniden-Familie. Die dafür notwendigen Verfahren gibt es bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts.
Ihren Durchbruch erfuhr die kommerzielle Lachszucht dank der Entwicklung von Netzgehegen. Fortan konnten die Tiere quasi in gewohnter Umgebung gemästet werden. Die Industrie wuchs rapide – nicht nur in Europa, sondern vor allem auch in den chilenischen Küstengewässern. Inzwischen beträgt die jährliche Lachs-Produktionsmenge weltweit circa drei Millionen Tonnen, Tendenz steigend. Den entsprechenden Wert des globalen Markts beziffern Analysten auf rund 30 Milliarden US-Dollar. Eine Erfolgsgeschichte also? Das kommt auf den Standpunkt an.
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„Es ist grundsätzlich problematisch, karnivore Spezies kommerziell zu züchten“, sagt die „WildFish“-Direktorin Rachel Mulrenan. In der Natur fressen Lachse fast ausschließlich kleinere Fische und Krebse. Sie sind somit Prädatoren und stehen auf der Nahrungspyramide weit oben. Um auch im Gehege gut gedeihen zu können, braucht Salmo salar deshalb zumindest teilweise tierische Kost. Und die kommt aus den ohnehin schon schwer überfischten Meeren. Die Massen an Zuchtlachsen mit Fisch zu füttern, macht aus ökologischer Sicht nicht wirklich Sinn.
Brett Glencross, Ernährungswissenschaftler des Industrieverbands IFFO, hebt dagegen die hohe Futterverwertungseffizienz von Zuchtlachsen hervor. Weil sie Kaltblüter sind, benötigen die Tiere zum Wachsen deutlich weniger Nahrung als zum Beispiel Schweine. „Die industrielle Umsetzungsrate liegt normalerweise bei 1,3 zu 1.“ Das heißt: Für die Produktion von einem Kilo Lachs benötigen die Züchter 1,3 Kilogramm Futter. Ein wesentlicher Teil der Kost besteht aus Fischmehl und Fischöl, welches unter anderem aus der peruanischen Anchoveta-Fischerei stammt. Diese kleinen Sardellen in großem Maßstab für menschlichen Konsum zu nutzen, ist unwirtschaftlich, meint Glencross. „In Europa ist Lachsfutter heutzutage hauptsächlich vegetarisch.“ Rund 70 Prozent seien pflanzlich basiert.
Die Lachsbranche steht allerdings noch wegen einer Reihe anderer Themen in der Kritik. Tierschützer bemängeln die beengten Haltungsbedingungen der Fische; die Netzgehege gelten zudem als Seuchenherde und seien damit ein Gesundheitsrisiko für wild lebende Populationen. Ein plötzliches Massensterben von Zuchtlachsen durch schädliche Umwelteinflüsse, Quallenschwärme oder infolge von Behandlungen gegen Krankheitserreger ist leider keine Seltenheit. Umweltschutzorganisationen prangern umgekehrt auch die Belastung der Küstengewässer durch Chemikalien, Antibiotika und Nährstoffe aus den Mastanlagen an. Entkommene Zuchtlachse wiederum gefährden den Genpool ihrer wilden Artgenossen, wenn sie sich mit diesen kreuzen. Dem daraus hervorgehenden Nachwuchs können wichtige, im Erbgut codierte Eigenschaften verloren gehen.
Auch sozial und ökonomisch gesehen hat die Industrie nicht den besten Ruf. In Chile wurden immer wieder die schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhne für die Angestellten kritisiert. Gleichzeitig ist die Aquakultur ein zunehmend bedeutender Wirtschaftszweig. „Lachsfarmen werden wichtiger als die herkömmliche Fischerei“, sagt die Politologin Jennifer Bailey von der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität NTNU in Trondheim in Bezug auf Norwegen. Die meisten Jobs in der Branche entstünden jedoch in den Bereichen technische Entwicklung und Verarbeitung und nicht an den Zuchtanlagen selbst, erklärt die Wissenschaftlerin. Die ländlichen Küstenregionen profitieren deshalb nur wenig vom Lachsboom, meint Bailey. Die Gewinne fließen vor allem einigen wenigen Großunternehmen zu. Dafür blieben den Menschen vor Ort die Umweltschäden, betonen NGOs.
Wie umstritten die industrielle Lachszucht inzwischen ist, lässt sich auch an der geringen Gesprächsbereitschaft vieler Beteiligter ablesen: Anfragen von natur blieben meist unbeantwortet; Branchenvertreter und sogar unabhängige Expertinnen scheinen sich nicht öffentlich äußern zu wollen – und wenn, dann zum Teil nur sehr zurückhaltend. So gab die große Zertifizierungsorganisation Aquaculture Stewardship Council (ASC) an, Fragen nur schriftlich beantworten zu können. In ihrem Antwortschreiben verweist sie auf ASC-Standards, deren Vorgaben strenger seien als zum Beispiel die in Schottland geltenden gesetzlichen Regelungen.
Kleine Schmarotzer
Die Schwierigkeiten der Branche, meinen ihre Gegner, stecken im System. Eine solche Form der Massentierhaltung könne schlicht nicht nachhaltig sein. Besonders schwerwiegend ist das Auftreten parasitischer Kleinkrebse der Gattung Lepeophtheirus, besser bekannt als Lachsläuse. Diese weniger als zwei Zentimeter langen Schmarotzer heften sich an die Haut der Fische und ernähren sich von deren Schleim, Hautgewebe und Blut. Ein paar vereinzelte Lachsläuse schaden dem Wirt kaum; starker Befall jedoch kann tödlich enden. Durch die ständig an ihm nagenden Parasiten wird ein Lachs zunehmend geschwächt und mit der Zeit entstehen offene Wunden. Krankheitserreger haben so leichtes Spiel, der Fisch siecht qualvoll dahin.
Für die Züchter sind Lachsläuse eine ständige wirtschaftliche Bedrohung – „das wichtigste Problem in der Netzgehegehaltung“, wie Rachel Mulrenan betont. Die Bekämpfung der Kleinkrebse erfolgt unter anderem mit Pestiziden, welche den Lachsen über das Futter verabreicht werden. Letztere nehmen die für sie – bei normaler Dosierung – unschädlichen Chemikalien in den Körper auf, wodurch auch die Parasiten das Gift beim Fressen abbekommen und sterben. Es gibt jedoch eine Kehrseite: Ob mit den Ausscheidungen der Fische, über die toten Lachsläuse oder in Futterresten, die Toxine gelangen irgendwann in die Umwelt, wo sie Schäden anrichten können. Der häufig eingesetzte Wirkstoff Emamectinbenzoat landet im Sediment am Meeresgrund und scheint sowohl die Artenvielfalt als auch die Dichte der Bodenfauna negativ zu beeinflussen. Ähnliches gilt für Deltamethrin. Dieses Gift wird äußerlich angewendet; die Lachse werden darin gebadet. Es kann sich rund 40 Quadratkilometer um die Fischfarmen ausbreiten und greift nicht nur Lachsläuse, sondern vielerlei Crustaceen, sprich Krebse, an. Selbst sehr geringe Konzentrationen im Nanogramm-Bereich schaden den Tieren bereits. Expertinnen des Meeresforschungsinstituts Bergen wiesen starke Auswirkungen von Deltamethrin auf Hummerlarven nach. Eine erhebliche Gefahr für die natürlichen Bestände, schlossen die Wissenschaftlerinnen.
Die Parasiten indes befallen nicht nur die Tiere in den Netzgehegen; sie attackieren auch wilde Artgenossen und andere Salmoniden wie Meerforellen. Deren Populationen sind in weiten Teilen Europas seit Jahrzehnten rückläufig. Die Massenvorkommen von Lachsläusen in und im Umfeld von Fischfarmen spiele dabei eine wesentliche Rolle, sagen Artenschützer, während die Lachsbranche dies abstreitet. Es gibt jede Menge Beweise für einen Zusammenhang, erklärt Rachel Mulrenan. Viele der relevanten Daten würden in Schottland jedoch nicht veröffentlicht, das Monitoring der Lachsläuse werde von den Züchtern selbst finanziert. „Das ist ähnlich wie das Agieren der Tabakindustrie“, meint die Direktorin. So viel leugnen wie nur möglich. Aus wissenschaftlicher Sicht sind die Vorwürfe von WildFish und weiteren NGOs vollkommen plausibel. Hohe Tierdichten fördern die Verbreitung von Parasiten und Krankheitserregern.
Gefährlich werden die Schmarotzer vor allem den sogenannten Smolts – wandernden Junglachsen auf ihrer Reise ins offene Meer, wo sie zum Fressen und Heranwachsen mindestens zwei Jahre lang umherziehen, um anschließend für die Fortpflanzung wieder in ihre Heimatflüsse zurückzukehren. Der Weg in die weite Welt indes führt für zahlreiche Smolts heutzutage durch lachslausverseuchte Gewässer und wird so zum Spießrutenlauf. Viele von ihnen dürften die hohe See nie erreichen. Für Meerforellen ist die Bedrohung wahrscheinlich noch größer. Denn sie wandern nicht in den offenen Ozean, sondern fressen sich normalerweise in Küstennähe Fett an. Und dort lauern die Parasiten ja ständig.
Zum Putzdienst eingeteilt
Die Industrie zeigt sich durchaus kreativ, wenn es um die Bekämpfung der schädlichen Kleinkrebse geht. So wird statt der Anwendung von Gift längst auch eine naturnahe Lösung praktiziert: der Einsatz von Putzerfischen. Einige Arten haben bekanntlich die Neigung, Schmarotzer vom Körper anderer Schuppenträger abzupicken und aufzufressen; manche Spezies sind im Zuge ihrer Ernährung sogar auf solche „Dienstleistungen“ spezialisiert. Lachszüchter machen sich dies zunutze. Zusammen mit ihren Mastfischen halten sie die schwimmenden Helferlein in den Netzgehegen, damit Letztere die Lachsläuse vertilgen. Klassische biologische Schädlingsbekämpfung. In Europa werden sowohl Seehasen (Cyclopterus lumpus) als auch verschiedene Lippfisch-Spezies (Familie der Labridae) zum Putzdienst abkommandiert. Einer aktuellen Studie zufolge ist die Methode einigermaßen erfolgreich; ihre Anwendung kann den Lachslausbefall unter den in Norwegen geltenden gesetzlichen Grenzwerten halten. Doch das ist leider nur eine Seite der Medaille.
Die Putzerfische bezahlen ihren Einsatz früher oder später mit dem Leben. In den Netzgehegen sterben jeden Monat etwa zehn Prozent von ihnen – unter anderem an Krankheiten, die die Lachse auf sie übertragen. Am Ende eines Produktionszyklus, wenn die Mastfische geschlachtet werden, müssen auch die verbliebenen Reinigungstruppen dran glauben. Das hat seuchenhygienische Gründe: Die nächste Kohorte Zuchtlachse soll keine Gefahr laufen, sich wiederum bei infizierten Putzerfischen anzustecken. Durch diese Sicherheitsmaßnahmen hat die Industrie allerdings einen zunehmend hohen Verschleiß. Von Tierschutzaspekten mal ganz abgesehen, stellt dieser auch ein ökologisches Problem dar. Mit bisher kaum untersuchten Ausmaßen. Seehasen lassen sich relativ leicht züchten, aber bei den Labridae greifen die Lachsfarmer zum größten Teil noch auf Wildfang zurück. So wurden nach Angaben der dortigen Fischereibehörden alleine in Norwegen von 2018 bis 2020 54 Millionen Lippfische zum Putzdienst zwangsrekrutiert. Diese Tiere fehlen jedoch in den Küstenökosystemen, Auswirkungen unbekannt. Möglicherweise wachsen dadurch sogar die Lachslaus-Populationen außerhalb der Netzgehege an – mit schwerwiegenden Folgen für Meerforellen und Wildlachse, meinen manche Fachleute.
Besser Bio?
Angesichts der vielen negativen Aspekte mag umweltbewussten Fischfans der Appetit auf Zuchtlachs vergehen; die Branche indes setzt weiterhin auf Wachstum. Allein in Norwegen wird über eine Verfünffachung der Produktionskapazität gesprochen, berichtet Jennifer Bailey.
Gleichzeitig ist die Wildlachspopulation des Landes auf ein historisches Tief geschrumpft. Auch auf den Britischen Inseln gelten die Bestände des wilden Salmo salar inzwischen als stark gefährdet. Norwegens Umweltminister Eriksen möchte dennoch keine Einschränkungen für die Industrie vornehmen; stattdessen sollen technische Innovationen die ökologischen Schäden beheben. John Murphy, Direktor der NGO Salmon Watch Ireland, hat in solche Aussagen kein Vertrauen. „Jeder weiß um die Probleme, und wir wissen das schon seit etwa 30 Jahren.“ Trotzdem sei bisher noch nie effektiv dagegen vorgegangen worden.
Wäre Bioware vielleicht eine sinnvolle Alternative? Nicht wirklich, meint Rachel Mulrenan. „Wir sehen leider keinen Unterschied zwischen konventioneller und biologischer Lachszucht.“ Auch dort kommen Giftstoffe zum Einsatz, und der Befall mit Lachsläusen ist ungefähr gleich hoch, sagt die Beauftragte von WildFish. Die Biozertifizierung sei nur „Greenwashing“ – Marketing und Imagepflege eben, aber ohne echten Nutzen.
Jonathan Schleyken, Leiter Aquakultur und Fischerei bei Naturland, sieht das anders. „Unser Ziel ist es, die Einwirkungen auf die Ökosysteme so gering wie möglich zu halten“, betont der Experte. „Naturland“ zertifiziert momentan nur Zuchtlachs aus Irland. Die Fische werden dort in geringeren Dichten als in konventionellen Anlagen gehalten, erklärt Schleyken. Das mindert Stress und Verschmutzung. Der Fischanteil im Futter darf nur aus Fischabfällen oder nicht verwertbarem Beifang stammen, was ebenfalls den ökologischen Fußabdruck verkleinert. Mit Lachsläusen müssen sich die Biobetriebe allerdings genauso herumschlagen. Zur Bekämpfung dürfen sie ebenfalls Deltamethrin und Emamectinbenzoat verwenden. Allerdings wird dies streng kontrolliert und nur nach Antragsprüfung freigegeben, sagt Schleyken. Oft kommen auch Putzerfische zum Einsatz – ein weiterer kritischer Punkt. Für Lippfische aus Wildfang benötigen Lachsfarmer deshalb eine Sondergenehmigung.
Anspruch und Realität im Bereich Biolachszucht klaffen anscheinend noch weit auseinander. Weniger schädlich sei Biolachs im Vergleich zur konventionell erzeugten Ware aber auf jeden Fall, meint Jonathan Schleyken. Fraglich bleibt jedoch, ob Zuchtlachs jemals wirklich nachhaltig sein kann. Die Branche hat bereits diverse Berichte über neue Methoden und Hightechanlagen weit draußen im offenen Ozean veröffentlicht. John Murphy sieht solche Pläne skeptisch. „Es kann eigentlich nur an Land gelingen“, meint der Aktivist – in geschlossenen Systemen, damit Parasiten, Schadstoffe und Zuchtfische nicht in die Natur gelangen. Jennifer Bailey wiederum glaubt durchaus an die Möglichkeit einer nachhaltigen Lachszucht. „Doch es ist eine Frage des Ausmaßes.“ Die Menge machts. Je mehr Mastfische, desto mehr Probleme. Würde man dies konsequent berücksichtigen, wäre Salmo salar vermutlich wieder das, was er mal war: eine eher seltene, begehrte Delikatesse. //
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