Ende vergangenen Jahres hat sich ein Mann in China höchstwahrscheinlich bei seinem Sohn mit Vogelgrippe angesteckt. Das hat eine Analyse der Virenvarianten ergeben, die bei den beiden Erkrankten gefunden wurden und die nahezu identisches Erbgut aufwiesen. Damit ist der bereits früher geäußerte Verdacht, es könnte in diesem Fall eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung stattgefunden haben, praktisch bestätigt. Es handelt sich demnach um den zweiten durch molekularbiologische Untersuchungen verifizierten Fall einer solchen Übertragung. In einer Handvoll weiterer Fälle geht die Weltgesundheitsorganisation WHO ebenfalls von einer direkten Ansteckung von Mensch zu Mensch aus.
Im Dezember 2007 wurde zuerst bei dem 24 Jahre alten Sohn und nicht einmal eine Woche später bei seinem 52-jährigen Vater aus der Jiangsu-Provinz im Osten Chinas die Vogelgrippe diagnostiziert. Die Infektion des Sohnes mit dem Erreger H5N1 könnte auf einen Besuch eines Geflügelmarktes sechs Tage vor dem Ausbruch der Krankheit zurückzuführen sein. Der Vater hingegen habe keinen Kontakt zu infizierten Vögeln gehabt, jedoch seinen Sohn während dessen Krankheit intensiv gepflegt, berichten die Forscher um Yu Wang vom chinesischen Centre for Disease Control and Prevention in Peking. Der Sohn starb an der Infektion, während der Vater dank einer Therapie mit antiviralen Medikamenten und einem experimentellen Impfserum überlebte.
Die bei Vater und Sohn isolierten Viren waren abgesehen von einem einzigen Bausteinaustausch genetisch identisch, berichten die Forscher. Damit sei eine limitierte Mensch-zu-Mensch-Übertragung extrem wahrscheinlich. Sie empfehlen, in Zukunft bei jedem Verdachtsfall die Kontaktpersonen der Erkrankten sofort mit Medikamenten zu behandeln, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Zudem müsse weiterhin jeder Fall einer möglichen direkten Übertragung zwischen Menschen intensiv überwacht werden, um eine Veränderung des Infektionsmusters sofort registrieren zu können. Nur so könne schnell genug reagiert werden, wenn das Virus aufgrund von Mutationen beginnt, schneller von Mensch zu Mensch überzugehen.
Insgesamt hat die WHO seit November 2003 bisher 376 Vogelgrippefälle beim Menschen registriert, von denen 238 tödlich verliefen. Ein Viertel dieser Fälle trat in sogenannten Clustern auf, bei denen mehrere Menschen aus dem gleichen Umfeld betroffen waren. Einige dieser Fälle ließen sich nach WHO-Angaben nicht anders erklären, als dass dort das Virus von einem Familienmitglied auf ein anderes übergegangen sein muss. Im Fall einer indonesischen Familie, wo 2006 acht Mitglieder betroffen waren, geht die WHO sogar von einer Weitergabe an eine dritte Person aus. Als molekularbiologisch bestätigt gilt hingegen lediglich ein Fall aus dem Jahr 2004 in Thailand.
Yu Wang (Centre for Disease Control and Prevention, Peking) et al.: The Lancet, Online-Vorabveröffentlichung ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel





