Faszinierende Vielfalt an Formen, Farben und Anpassungen: Die Flora Deutschlands ist von einem enormen Artenreichtum geprägt. Doch dieser Schatz schwindet, wie Studien dokumentieren: Demnach sind etwa 70 Prozent unserer heimischen Pflanzenarten von einem rückläufigen Trend betroffen und bei vielen ist der Bestand schon gefährdet oder es gibt nur noch kleine Restpopulationen. Die Hauptursache des Schwunds ist dabei der Lebensraumverlust: Neben der Landwirtschaft fallen naturbelassene Flächen vor allem der fortschreitenden Urbanisierung zum Opfer. Doch genau diese Siedlungsflächen bergen ein erhebliches Potenzial für den Naturschutz, sagen Forscher. Denn auf den privaten oder öffentlichen Grünflächen könnten nicht nur die typischen Ziergewächse angepflanzt werden, sondern auch bedrohte Wildpflanzenarten.
Urbaner Lebensraum für bedrohte Pflanzen
Für dieses Konzept des sogenannten Conservation Gardenings macht sich auch ein Forscherteam des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung und der Universität Leipzig stark. Für ihre aktuelle Studie sind die Wissenschaftler nun systematisch der Frage nachgegangen, welche der bedrohten Pflanzenarten Deutschlands tatsächlich für die Gartennutzung geeignet sind und inwieweit sie auch schon durch Spezialgärtnereien angeboten werden. Dazu haben sie die laut Roter Liste gefährdeten Pflanzenarten aller 16 deutschen Bundesländer im Hinblick auf ihre Eignung für den gärtnerischen Einsatz bewertet. Außerdem nutze das Team die Informationen von Websites von Pflanzen- und Saatgutherstellern, um die kommerzielle Verfügbarkeit der Arten zu erfassen.
Wie das Team berichtet, variiert die Anzahl der gefährdeten Arten je nach Bundesland zwischen 515 und rund 1120. Die Beurteilungen der Bedürfnisse dieser Gewächse ergab dabei nun: Im Durchschnitt sind etwa 40 Prozent von ihnen für die gärtnerische Kultivierung geeignet – besitzen also Potenzial für das Conservation Gardening. Wie aus den Recherchen bei den Spezialgärtnereien hervorging, sind von diesen Spezies wiederum schon über die Hälfte käuflich erhältlich und können teilweise auch per Post versandt werden.
Wie das Team hervorhebt, wurde bei den Beurteilungen der Ansprüche der Pflanzen auch erneut deutlich, dass viele neben ihrer Attraktivität auch gärtnerisch günstige Merkmale aufweisen: „Knapp die Hälfte dieser Pflanzenarten bevorzugen trockene Böden. Bei herkömmlichen Gartenpflanzen sind es nur rund ein Drittel“, sagt Erst-Autor Ingmar Staude von der Universität Leipzig. Dieser Aspekt ist dabei auch im Hinblick auf den Trend im Rahmen des Klimawandels interessant, betont der Forscher. Andere Arten sind natürlich für weitere Standortmerkmale geeignet – beispielsweise für die ökologisch hochwertige Begrünung von Teichen im urbanen Bereich.
Eine App hilft bei der Pflanzenwahl
Um ihre Ergebnisse besonders zielorientiert umzusetzen, haben die Forscher sie für die Entwicklung einer sogenannten Shiny-App für das Conservation Gardening genutzt. Es handelt sich dabei um ein frei zugängliches Werkzeug im Internet, das Privat- und Landschaftsgärtnern sowie Behörden bei der Suche nach geeigneten Pflanzenarten für den Einsatz in Gärten, Balkonen, Grünanlagen oder auch bei der Dachbegrünung helfen kann. Dabei kann man speziell den Fokus auf die Förderung der Biodiversität im eigenen Bundesland legen. Um geeignete Spezies zu finden, gibt der Nutzer neben dem Verwendungszweck auch Standortmerkmale wie Lichtverhältnisse oder die Bodenbeschaffenheiten und weitere Parameter in die Suchmaske ein. Wo man die anschließend vorgeschlagenen Arten bekommen kann, lässt sich dann durch eine Suche bei den gelisteten Anbietern herausfinden.
Die Forscher hoffen, dass ihre Ergebnisse nun ihrem Ziel zugutekommen können: Sie wollen das enorme Potenzial der Millionen von Gärten und Grünanlagen in Deutschland besser nutzbar machen, sowie die Menschen in den Artenschutz einbeziehen. Meinungsumfragen zufolge wächst auch das gesellschaftliche Interesse an solchen Möglichkeiten. Dazu sagt Staude abschließend: „Es bedarf neuer Ansätze, die Mensch und Biodiversität nicht mehr als voneinander getrennte Aspekte betrachten. Conservation Gardening kann das gesellschaftliche Bewusstsein für die Biodiversitätskrise schärfen, während gleichzeitig partizipative Maßnahmen ergriffen werden, um dem Rückgang heimischer Pflanzenarten entgegenzuwirken“, so der Forscher.
Quelle: Universität Leipzig, Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-023-39432-8





