Metallkügelchen aus bleihaltigen Legierungen: Diese traditionellen Geschosse schießen nach wie vor aus vielen Schrotflinten und Gewehren, die für die Jagd auf Kaninchen, Fasan und Co in Europa einsetzt werden. Prinzipiell war bereits bekannt, dass diese Munition indirekt für Greifvögel problematisch sein kann: Durch das Fressen von Aas oder das Erbeuten angeschossener Tiere können sie Blei in tödlichen oder schädigenden Mengen aufnehmen. Das Potenzial zum Verschlucken verdeutlichen unter anderem Röntgenaufnahmen von Wildenten und Wildgänsen: Etwa ein Viertel bis ein Drittel der lebenden Vögel weisen Schrotkugeln in ihrem Körper auf.
Inwieweit sich das belastete Futter allerdings tatsächlich auf die Bestände der oft bedrohten Greifvogelarten auswirkt, war bisher unklar. Um die Bedeutung des Faktors besser einschätzen zu können, haben Wissenschaftler der Universität Cambridge und des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) in Berlin deshalb nun umfangreiche Daten in Europa erhoben und Berechnungen durchgeführt.
Erstmals quantifiziert
Sie verwendeten dazu Informationen, die aus Untersuchungen der Lebern tausender tot aufgefundener Greifvögel in 13 Ländern stammen, die seit den 1970er Jahren durchgeführt wurden. Die Daten zu den Bleibelastungen setzten sie dann in statistische Relation zur durchschnittlichen Anzahl der Jäger pro Quadratkilometer in jedem Land. Diese Beziehung nutzten die Forscher wiederum, um auch die Vergiftungsraten in Ländern vorherzusagen, in denen es keine Daten über in Lebern angereichertes Blei gibt – die Jägerdichte aber bekannt ist. Anschließend schätzten die Forscher dann anhand von Populationsmodellen, wie groß die europäischen Greifvogelbestände ohne den Einsatz von Bleimunition wären.
Wie die Forscher berichten, geht aus ihren Ergebnissen hervor: Durch die lange Tradition des Einsatzes von Bleimunition fehlen dem europäischen Himmel insgesamt mindestens 55.000 Greifvögel. Besonders betroffen sind demnach langlebige Arten, die nur wenige Junge pro Jahr aufziehen und erst später im Leben brüten, wenn die Bleibelastungen oft kritische Werte erreichen. Konkret zeigen die Ergebnisse, dass die Seeadlerpopulation in Europa um 14 Prozent kleiner ist, als sie es ohne die Bleibelastung in der Nahrung wäre, gefolgt von Steinadler und Gänsegeier, deren Bestände um 13 Prozent beziehungsweise 12 Prozent verringert sind. Auch häufigere Arten sind betroffen, zeigt die Studie: Der Habichtbestand ist um sechs Prozent und die Bestände von Rotmilan und Rohrweihe sind um drei Prozent vermindert. Bei den Mäusebussard-Populationen liegt noch eine Reduktion um 1,5 Prozent vor. Wie die Forscher dabei betonen, entspricht selbst dies fast 22.000 Exemplaren dieser weit verbreiteten Art.





