Eine Ladung Urin zum richtigen Zeitpunkt kann den Kampf zwischen zwei Krebsen entscheiden. In deren Urin finden sich chemische Signalstoffe, die dem Artgenossen sagen “Vorsicht, ich bin gefährlich” und ihn damit zum Rückzug motivieren. Das hat der Ökologe Thomas Breithaupt der University of Hull herausgefunden, als er Kämpfe zwischen Süßwasser-Krebsen ( Astacus leptodactylus) beobachtete.
In der Studie sollte das nächtliche Verhalten der Krebse untersucht werden, weshalb ihnen auch die Augen verschlossen wurden. Für die Untersuchungen wurde den Krebsen der Farbstoff Fluorescein injiziert, der ihren Urin grün färbt, so dass die Abgabe des Urins unter Wasser beobachtet werden kann.
Besonders auffallend bei den Untersuchungen war, dass meistens die letztendlichen Gewinner des Kampfes den Urin-Trick einsetzten. Die Forscher erklären das folgendermaßen: Krebse können anhand des Geruches des Urins das Geschlecht, die Ernährungsweise und den Gesundheitszustand ihres Gegners einschätzen. Zusätzlich können sie erkennen, ob der Artgenosse sich gerade gehäutet hat und dadurch seinen schützenden Panzer verloren hat. Nur die Tiere mit einer Top-Kondition oder wenn sie offensichtlich sehr begünstigt im Kampf sind, können es sich erlauben, ihren verräterischen Urin einzusetzen. Die chemischen Signalstoffe im Urin teilen dem Gegner mit, wie wahrscheinlich es ist, zu gewinnen. Riecht ein Gegner, dass er wahrscheinlich verlieren wird, hat er die Möglichkeit, sich zurückzuziehen. So reduziert sich die Zahl der besonders gefährlichen Kämpfe.
Die Krebse leben in dichten Gruppen mit etwa zwanzig Individuen pro Quadratmeter. Häufig kommt es zu Kämpfen zwischen den Tieren. Meistens geht es um Nahrung, Territorium oder um potenzielle Sexualpartner. Die Kämpfe laufen nach einem ritualisierten Schema ab, wobei die Aggressivität im Verlauf des Kampfes immer mehr zunimmt. So nehmen die Tiere erst nur eine bestimmte Drohhaltung an, gehen dann aber über zum Festhalten, “Armdrücken” und in manchen Fällen schließlich reißen sie sich ihre Glieder aus. Die Abgabe des Urins, den die Tiere ihren Gegnern aus ihren Kiemen entgegen spritzen, erhöht die Aggressivität der kämpfenden Tiere deutlich.
Diese chemischen Signalstoffe im Urin sind wohl auch der Grund dafür, dass die Krebse ihren Urin viel häufiger während ihrer Kämpfe und nicht irgendwann in einer inaktiven Phase abgeben. “Schließlich ist es nicht sinnvoll, seine gesamte soziale Umgebung wissen zu lassen, in welcher Verfassung man gerade ist” erklärt Thomas Breithaupt. Die genaue chemische Zusammensetzung der Signalstoffe im Urin wird derzeit von den Forschern noch untersucht.
Mirjam Steffensky





