Mehr als zwei Milliarden Jahre blieb das Leben auf der frühen Erde einzellig und mikroskopisch klein. Doch vor 570 bis 540 Millionen Jahren, im Zeitalter des Ediacarium, änderte sich dies plötzlich. In den Urmeeren breiteten sich bis zu zwei Meter große mehrzellige Lebewesen aus – einige glichen halbaufgeblasenen Matratzen, andere trugen geriefte Rückenschalen oder wuchsen auf langen Stängeln ähnlich wie fremdartige Unterwasserfarne. Trotz dieses auf den ersten Blick pflanzenähnlichen Aussehens zeigten diese Wesen jedoch klare Merkmale von Tieren. Allerdings fehlten ihnen noch entscheidende Organe, darunter Münder, Mägen oder Gliedmaßen. Paläontologen gehen deshalb davon aus, dass die verschiedenen Vertreter dieser Ediacara-Fauna sich durch Osmose oder Filtrieren ernährten. Aus Fossilfunden gibt es sogar erste Hinweise auf Fressgemeinschaften und andere Formen der Kooperation. Erschwert werden solche Rückschlüsse auf mögliche Lebensweisen dieser Organismen allerdings dadurch, dass sie keiner der heute bekannte Großgruppen des Tierreiches ähneln und dass sie am Ende des Ediacariums relativ abrupt verschwanden.
Tausende Filamente zwischen Rangeomorpha-Fossilien
Zu den erfolgreichsten Lebewesen des Ediacarium gehörten die farnähnlichen Rangeomorpha. Diese kamen in verschiedensten Lebensräumen der urzeitlichen Tiefsee vor und dominierten dort die Ökosysteme. “Diese Organismen konnte den Meeresboden offenbar sehr schnell kolonisieren und wir sehen dann oft eine Art als dominante Spezies in den Fossilienfundschichten”, erklärt Alexander Liu von der University of Cambridge. Das Aussehen der Rangeomorpha variierte von spindelförmigen, eher schlichten Wuchsformen über gelappte oder federähnliche Formen bis hin zu buschartigen Lebewesen mit vielen blattartigen Auswüchsen. Die meisten Vertreter waren am Meeresboden verankert, einige ragten mitsamt ihrer stielartigen Basis ein bis zwei Meter in die Höhe. Vermutlich ernährten sich die Rangeomorpha durch Osmose – sie nahmen Nährstoffe aus dem sie umgebenden Meerwasser auf.
Die größte Vielfalt dieser Organismengruppe haben Paläontologen bisher in Gesteinsformationen auf der kanadischen Insel Neufundland gefunden. Von dort stammt nun auch die jüngste Entdeckung. Liu und seine Kollegin Frances Dunn von der University of Bristol haben in knapp 40 verschiedenen Fundschichten aus dem Ediacarium nicht nur verschiedene Rangeomorpha und ähnlich blattähnliche Fossilien entdeckt, zwischen ihnen stießen sie auch auf ein ganz neues Phänomen: Viele dieser Lebewesen schienen über dünne Fäden miteinander verbunden zu sein. “Diese Filamente sind typischerweise 100 bis 1000 Mikrometer dick und zwei bis 40 Zentimeter lang”, berichten die Forscher. “Bei einem Exemplar ist das Filament sogar 4,10 Meter lang und endet an der Bodenplatte eines anderen Artgenossen. Ein zweites Paar dieser Art liegt entlang eines gemeinsamen Filaments von mehr als 2,23 Metern Länge.” Die Fäden zeigen keine Spuren von Zellen, Riefen oder anderen Unterstrukturen und scheinen damals auf dem Meeresboden oder knapp darunter verlaufen zu sein.





