Fataler Lockstoff
Die Vermutung der Forscher: Hier ist Sex im Spiel. Schon länger ist bekannt, dass die Weibchen vieler Gottesanbeterinnen-Arten Lockstoffe nutzen, um ihre Partner anzuziehen. Dieser Duft sollte zwar eigentlich nur auf Männchen der gleichen Art wirken, aber es gibt auch Ausnahmen. Um herauszufinden, ob das vielleicht auch bei den beiden Arten in Neuseeland der Fall ist, ließen die Wissenschaftler Männchen der heimischen Art Orthodera novaezealandiae zum Riechtest antreten: Sie setzten jeweils ein Männchen in das Ende eines Plexiglasrohrs, das sich in zwei Enden gabelte. An einem dieser Enden saß ein Weibchen der zugewanderten Art und verströmte ihren Duft, das zweite Ende blieb im ersten Durchgang leer. In einem zweiten Durchgang durfte dort ein einheimisches Weibchen gegen ihre Konkurrentin anduften.
Das Ergebnis war eindeutig: Die Orthodera-Männchen folgten nicht nur prompt dem Duft der artfremden Verführerin – sie zogen ihn sogar dem Lockstoff ihrer Artgenossinnen vor. Allein dieser Effekt könnte schon ausreichen, um die Fitness der einheimischen Art deutlich einzuschränken, wie Fea und seine Kollegen erklären. Denn durch die artfremden Gerüche abgelenkt, finden sich die Partner nicht mehr, paaren sich nicht und können sich folglich auch nicht vermehren. Nicht umsonst werden ablenkende Lockstoffe daher auch in der biologischen Schädlingsbekämpfung häufig eingesetzt.
Tod statt Sex
Aber es kommt noch perfider: Die Weibchen der eingeschleppten Art begnügen sich nicht damit, ihren heimischen Konkurrentinnen die Männchen auszuspannen – sie töten sie auch noch. Im Gegensatz zu den untereinander eher friedlichen Orthodera-Fangschrecken sind die Gottesanbeterinnen der Art Miomantis caffra klassische Sexual-Kannibalen. “Bei den Weibchen dieser Art machen die angelockten Männchen sogar einen wichtigen Teil ihrer Nahrung aus”, erklären Fea und seine Kollegen. Und wenn es ums Fressen geht, machen die Miomantis-Weibchen offenbar auch bei artfremden Partnern keine Ausnahme, wie die Experimente zeigten: Als die Forscher Orthodera-Männchen zu Miomantis-Weibchen setzten, endete dies in knapp 70 Prozent der Fälle mit dem Tod des Männchens.
Der Erfolg der neu eingeschleppten Gottesanbeterinnen beruht damit nach Ansicht der Forscher gleich auf mehreren Faktoren: Die fatale Anziehung des fremden Lockstoffs macht den einheimischen Weibchen ihre Paarungspartner abspenstig. Diese werden dann prompt von den fremden Weibchen gefressen, das reduziert die Populationsgröße der einheimischen Art und sorgt zudem noch für Männermangel. Und zu allem Überfluss verleiht das Zusatzfutter den fremden Weibchen mehr Energie für Ausbreitung und Vermehrung. “Diese Form der artübergreifenden Anziehung hat damit für sexualkannibalistische Arten wie Fangschrecken oder Spinnen besonders schwerwiegende Folgen”, konstatieren die Wissenschaftler.





