Es war die Zeit der sogenannten Kambrischen Explosion: Vor rund 500 Millionen Jahren entstanden in recht kurzer Zeit viele neue Lebewesen und auch die ersten Vertreter der Entwicklungslinien, die zu den heutigen Tiergruppen führten. Die Evolution “experimentierte” damals allerdings auch mit Bauplänen, für die es heute keine direkten Vergleiche mehr gibt: Die sogenannten Radiodonta ähnelten zwar Gliederfüßern, doch sie besaßen neben ihrem segmentierten Körper und hochentwickelten Komplexaugen ein Merkmal, das fremdartig erscheint: An ihrem Kopf saßen zwei Anhängsel, die bei den unterschiedlichen Arten wohl spezielle Funktionen bei der Nahrungsaufnahme erfüllten.
Trilobiten auf dem Speiseplan?
Die berühmtesten Vertreter der Radiodonta waren die Anomalocariden – und speziell die Art Anomalocaris canadensis. Ihre Fossilien sind bereits seit dem 19. Jahrhundert bekannt und es handelte sich möglicherweise um die größten Räuber der kambrischen Meere. Denn mit einer Länge von vermutlich bis zu einem Meter waren sie Riesen in der von Kleintieren geprägten Lebenswelt. Auch sie besaßen zwei Fortsätze am Kopf, mit denen sie offenbar Beutetiere greifen und zu ihrem Maul befördern konnten. Es gab Vermutungen, dass Anomalocaris einen Spitzen-Räuber repräsentierte, der sich alles schnappte, was ihm vor die Greifer kam.
Demnach könnte er auch Vertreter einer weiteren prominenten Tiergruppe der Ära erbeutet haben: die ebenfalls relativ großen, hartgepanzerten Trilobiten. Als Hinweis darauf wurden bestimmte Spuren und Quetschungen an manchen fossilen Exoskeletten dieser krebsartig wirkenden Tiere interpretiert. Einige Paläontologen meldeten allerdings bereits Zweifel an, ob die „Apparaturen“ von Anomalocaris in der Lage gewesen wären, die harten Hüllstrukturen der Trilobiten zu knacken.
Eher weiche Kost
Das Forscherteam um Russell Bicknell vom American Museum of Natural History in New York ist deshalb nun der Frage nachgegangen, inwieweit die Frontalfortsätze von Anomalocaris canadensis überhaupt mechanisch in der Lage gewesen wären, hartschalige Beutetiere zu packen oder gar zu verarbeiten. Als Grundlage für ihre Studie entwickelten die Wissenschaftler eine detaillierte 3D-Rekonstruktion von Anomalocaris canadensis anhand von Fossilien aus Kanada. Durch biomechanische Vergleiche des Modells mit ähnlichen Strukturen bei bestimmten heutigen Skorpion- oder Spinnenarten konnten die Forscher zunächst verdeutlichen, dass sich die Fortsätze von Anomalocaris strecken und biegen ließen und damit zum Greifen geeignet waren.
Wie robust das System war, verdeutlichte dann ein spezielles Analyseverfahren, das Spannungs- und Belastungspunkte beim Greifen von Objekten aufzeigen kann. Wie das Team berichtet, zeichneten sich in den Modellierungen von möglichen Beanspruchungen und den strukturellen Belastbarkeiten ab: Vor allem die teils filigranen Teilstrukturen der Frontalfortsätze wären beim Ergreifen harter Beutetiere wie Trilobiten beschädigt worden. Gepanzerte Wesen gehörten demnach wohl nicht zum Beutespektrum des großen Räubers. Offenbar war Anomalocaris eher auf weiche Beuteltiere spezialisiert, die sich mit den spitzen Elementen seiner Greifarme vermutlich gut festhalten ließen.





