Schilf spielt eine wichtige Rolle für das Ökosystem See. So bietet es unter anderem Brutplätze und Unterschlupf für Wasservögel, Fische und Insekten. Aber es dämpft auch den Wellenschlag und befestigt das Ufer, womit es starke Erosion verhindert. Gleichzeitig filtern Schilfpflanzen überschüssige Nährstoffe aus dem Wasser und reinigen so den See. Doch seit den 1950er Jahren stirbt das Schilf in vielen europäischen Seen.
Wellenschlag, Fraßschäden und Sulfat setzen Schilf zu
Lydia Roesel von der Humboldt-Universität zu Berlin und Dominik Zak vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei haben nun erforscht, was in den Seen Berlins zum Rückgang des Schilfs führt. Dazu untersuchten sie 14 Seen im Berliner Einzugsgebiet und werteten verschiedene Faktoren aus, die die Schilfmenge zwischen dem Jahr 2000 und 2020 beeinflusst haben könnten. Dazu gehörten die Beschaffenheit und Nutzung der Uferzone ebenso wie die Konzentration verschiedener Nährstoffe, darunter Phosphor, Nitrat und Sulfat.
Das Ergebnis: Am stärksten ließen mechanischer Stress durch den Wellenschlag der Schifffahrt, Uferverbauung, Fraßschäden durch Wasserratten und Nutrias und zu wenig Sonnenlicht durch schattenspendende, ufernahe Bäume die Schilfbestände zurückgehen, wie Roesel und Zak berichten. Doch auch die seit zehn Jahren steigenden Sulfatkonzentrationen hatten einen unerwartet deutlichen Effekt auf das Schilf. „Wären die Sulfatkonzentrationen nicht gestiegen, gäbe es heute rechnerisch rund 20 Prozent mehr Schilf an den Seen“, erklärt Zak.
Rätselhafte Sulfatwirkung
Das im Seewasser gemessene Sulfat stammt zum größten Teil aus dem Lausitzer Braunkohlerevier im oberen Einzugsgebiet der Spree. Es entsteht aus Eisensulfiden, die beim Bergbau aus tieferen Bodenschichten freigesetzt werden. Doch dass das Sulfat in den Berliner Gewässern derart verheerende Auswirkungen hat, überraschte die Forschenden. Denn normalerweise schadet Sulfat Schilfpflanzen nicht einmal in sehr hohen Konzentrationen, wie sie erklären. Selbst wenn es sich unter sauerstofffreien Bedingungen im Gewässergrund zu giftigem Sulfid entwickelt, wird dieses in der Regel von Eisenpartikeln im Wasser gebunden, die es in der Folge unschädlich machen.
„Es müsste nun untersucht werden, warum dieser Entgiftungsprozess in einigen der sulfatbelasteten Seen wie dem Müggelsee gestört ist“, so Zak. Auch um dadurch die Versorgung mit sauberem Trinkwasser aus eben jenen Seen weiterhin zu gewährleisten. Roesel und Zak empfehlen verschiedene Maßnahmen, die sich als nützlich gegen das Schilfsterben erweisen könnten. Dazu gehört neben einer Verringerung des Sulfat-Eintrags auch der Einsatz sogenannter Faschinen. Sie bestehen aus mehreren Meter langen, im Wasser verankerten Reisig- und Rutenbündeln, die das Schilf vor dem Wellenschlag der Schifffahrt schützen und die Erosion am Ufer verringern sollen. Zusätzlich soll weitere Forschung dabei helfen, die genauen Ursachen des Schilfsterbens zu ergründen und schließlich gezielt zu bekämpfen.





