Manche schnappen, andere kleben und einige stellen Fallgruben auf, um Fliege, Käfer und Co zu erbeuten: Etwa 600 Pflanzenarten aus 18 Gattungen haben komplexe Strukturen und Konzepte entwickelt, um sich in ihren nährstoffarmen Lebensräumen „lebendige Düngertabletten“ zu verschaffen. Die Vertreterinnen der Kannenpflanzen (Nepenthes) haben sich dazu mit speziellen Fanggefäßen ausgerüstet, die auf den ersten Blick wie Blüten wirken. Es handelt sich jedoch um Teile der Blätter, die zu bauchigen Strukturen ausgebildet sind, die an rankenartigen Fortsätzen sitzen. An ihren Öffnungen befinden sich Nektardrüsen, die Beutetiere anlocken. Dort finden die Opfer dann allerdings keinen Halt und fallen dadurch in den Kelch, in dem sie Verdauungsflüssigkeit erwartet.
Dieses Grundkonzept kommt bei den verschiedenen Arten der Kannenpflanzen in unterschiedlichen Größen und Formen vor. Besonders viele Vertreterinnen sind dabei auf der indonesischen Insel Borneo zu finden. Unter ihnen sind einige besonders skurrile Arten, die bis zu 40 Zentimeter lange Kannen tragen oder bizarre Vampirzahn-Strukturen ausbilden. Bei allen bisher bekannten Spezies hängen die Kannen allerdings weithin sichtbar in der Luft oder sitzen auf dem Boden, um fliegende und krabbelnde Kleintiere zu erbeuten. Doch bei der nun neu entdeckten Art ist das erstaunlicherweise nicht der Fall, berichtet das internationale Forscherteam.
Wo sind die Kannen?
Co-Autor Ľuboš Majeský von der Palacký-Universität Olomouc berichtet von der Entdeckungsgeschichte auf Borneo: “Während einer mehrtägigen Reise mit unseren indonesischen Kollegen zu einem bisher unerforschten Berg bemerkten wir Pflanzen, die zweifellos Vertreter von Nepenthes waren, aber keine Kannen zu besitzen schienen“, sagt Majeský. „Doch dann riss ich beim Fotografieren ein Moospolster von einem Baum ab und entdeckte ein Bündel kastanienbrauner Kannen, die aus einem kurzen Trieb mit reduzierten Chlorophyll-freien Blättern wuchsen“, berichtet der Wissenschaftler.
Dieser seltsamen Entdeckung gingen Majeský und seine Kollegen anschließend genau auf den Grund. So stellte sich heraus, dass es sich um eine bisher nicht beschriebene Art der Kannenpflanzen handelt – und mit bisher unbekannten Merkmalen: “Tatsächlich legt diese Art ihre bis zu elf Zentimeter langen Kannen unterirdisch an, wo sie in Hohlräumen oder direkt im Boden gebildet werden“, sagt Erstautor Martin Dančák von der tschechischen Palacký-Universität in Olomouc. Das Team gab der neuen Spezies den wissenschaftlichen Namen Nepenthes pudica, was soviel wie die „schüchterne Kannenpflanze“ bedeutet – mit Bezug auf ihre verborgen angelegten Fangorgane.
Jagdgründe im Untergrund
Die genaueren Untersuchungen zeigten zwar, dass die Pflanze auch an manchen hoch gelegenen Blättern Kannen ausbilden kann – ihr Haupt-Jagdrevier ist jedoch der Untergrund. Nepenthes pudica bildet dort spezialisierte unterirdische Sprosse mit verkümmerten, vollständig weißen Blättern aus. Die Kannen sind hingegen voll entwickelt und besitzen eine rötliche Farbe. Sie werden bevorzugt in natürlichen Hohlräumen des Untergrunds hervorgebracht – wenn die nicht vorhanden sind, bilden sich die Kannen aber auch direkt im Boden, berichten die Forscher.





