Die Länge der Chromosomenenden bestimmt tatsächlich die Lebenserwartung eines Organismus. Koreanische Wissenschaftler konnten diese Vermutung nun erstmals an einem lebenden Organismus nachweisen: Würmer, die künstlich verlängerte Chromosomenenden hatten, lebten deutlich länger als genetisch ansonsten identische Artgenossen. Dabei scheinen diese so genannten Telomere nicht nur ? wie bislang angenommen ? zu beeinflussen, wie oft sich eine Zelle teilen kann. Der Grund für die verlängerte Lebenserwartung sei wahrscheinlich vielmehr, dass die längeren Chromosomenenden Zellen vor Stress und Zerstörung schützen. Das schreiben die Wissenschaftler um Junho Lee von der Yonsei-Universität in Seoul in der Fachzeitschrift Nature Genetics (Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1038/ng1356).
Bereits frühere Studien hatten auf einen Zusammenhang der Lebenserwartung mit der Länge der fadenartigen Strukturen an den Chromosomenenden hingedeutet. Bislang gab es jedoch keine Möglichkeit, zwei Organismen miteinander zu vergleichen, die zwar die gleichen Gene, aber unterschiedlich lange Telomere besitzen. Die koreanischen Forscher entwickelten nun ein Modell, das genau diesen Vergleich ermöglicht: Mithilfe einer vorübergehenden Genveränderung züchteten sie den bei Genetikern beliebten Fadenwürmern
C. elegans verlängerte Chromosomenenden an und verglichen die Lebenserwartung dieser Tiere mit der von nicht-veränderten Artgenossen.
Während die Kontrollwürmer im Schnitt etwa 20 Tage lebten, verlängerte sich das Leben der Tiere mit den längeren Telomeren auf knapp 24 Tage. Auch der Alterungsprozess war bei den veränderten Würmer verzögert. Dieser Effekt könne jedoch nicht durch die so genannte Telomer-Theorie des Alterns erklärt werden, schreiben die Forscher. Diese Theorie basiert darauf, dass die Chromosomenenden mit jeder Zellteilung kürzer werden. Unterschreitet die Länge einen kritischen Wert, kann sich die Zelle nicht mehr teilen und stirbt. Die Folge: Gewebe kann sich nicht mehr so gut regenerieren ? es altert.
Da sich im erwachsenen Wurm die Körperzellen jedoch nicht mehr teilen, kann dieser Mechanismus hier keine Rolle spielen. Die Wissenschaftler vermuten nun, dass die längeren Telomere bestimmte Signalwege innerhalb der Zelle beeinflussen und die Zelle so besser gegen äußerlichen Stress geschützt ist. Wie genau die langen Telomere jedoch das Leben der Würmer verlängern, wollen sie in weiteren Untersuchungen klären.
ddp/bdw ? Ilka Lehnen-Beyel