Die Ukraine hat einen hoch entwickelten, umfangreichen Wassersektor. Dazu zählen große Stauseen, Wasserkraftwerke, Kühlanlagen für Kernkraftwerke, Wasserreservoirs für Industrie und Bergbau sowie ein ausgedehntes Versorgungsnetz für die landwirtschaftliche Bewässerung und die städtische Wasserversorgung. Der Krieg gefährdet diese Infrastruktur jedoch und hat ihr an einigen Orten bereits fatal zugesetzt.
Überschwemmungen und vergiftetes Wasser
Forschende um Oleksandra Shumilova vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin haben nun analysiert, wie es um die Wasserinfrastruktur der Ukraine steht. Dafür sammelten sie Informationen darüber, wie sich die ersten drei Monate des Krieges auf die Wasserversorgung ausgewirkt haben und wo genau Schäden am Wassersektor entstanden sind. Um zu einer möglichst neutralen Einschätzung der Lage zu gelangen, nutzten die Forschenden Daten aus Regierungs- und Medienquellen ukrainischer, russischer und internationaler Herkunft.
Die Analyse dieser Informationen offenbarte ein breites Spektrum an Schäden, darunter die Überflutung großer Gebiete durch Dammbrüche und zahlreiche kontaminierte Süßwasserquellen. Allein im vergangenen Dezember waren 16 Millionen Ukrainer ohne ausreichend sauberes Trinkwasser. All dies ist laut Forschenden aber nicht nur eine direkte Folge von gezielten Angriffen auf Wasserleitungen, Kanäle und Pumpstationen, sondern wird auch durch Probleme mit der Stromversorgung bedingt. Ohne sie lassen sich die Wasseranlagen nicht richtig betreiben und die Infrastruktur bricht zusammen.
Schwermetalle und radioaktive Stoffe gefährden das Wasser
Ebenso sind aber auch versenkte Munition und Kriegsgerät für die verschmutzten Süßwasserressourcen verantwortlich. So hat sich etwa der Kakhovka-Stausee, der eigentlich der landwirtschaftlichen Bewässerung dient, mittlerweile zu einem Entsorgungsplatz für militärische Objekte entwickelt. Die versenkten Gegenstände setzen unter Wasser Schwermetalle und giftige Sprengstoffe frei und können den Stausee damit auch noch Jahrzehnte in der Zukunft kontaminieren. Doch nicht nur das: Am Ufer des Kakhovka-Stausees steht außerdem das größte Kernkraftwerk Europas. Bricht der Damm des Sees, könnte die Kühlung des Kraftwerks versagen mit entsprechend schwerwiegenden Folgen.
Auch Kriegsschäden an Industrieanlagen haben verheerende Folgen für die Wasserversorgung, wie Shumilova und ihre Kollegen berichten. Allein bis Anfang Juni 2022 sind 25 große ukrainische Industriebetriebe komplett oder teilweise zerstört worden. Vor allem bei der Metallverarbeitung, dem Bergbau und der chemischen Produktion führt das dazu, dass von ihnen abgesondertes Grubenwasser nicht mehr ausreichend abgepumpt werden kann. Das Grubenwasser ist voller Sulfate, Chloride und Schwermetalle. Steigt sein Pegel, können diese Giftstoffe auch ins Grund- und Oberflächenwasser gelangen.





