Noch sind die meisten Bäume in deutschen Wäldern robust und vital, aber sie stehen unter Stress. Eine Bestandsaufnahme des Forstexperten Heino Polley.
bild der wissenschaft: Noch in den 1990er-Jahren war der Begriff „Waldsterben” in aller Munde. Wie geht es dem deutschen Wald heute, Herr Polley?
Polley: Viele der Generation 40plus haben noch die Bilder deutlich geschädigter Waldflächen vor Augen. Manch einer wird sich an entsprechende Fotos etwa aus dem Erzgebirge erinnern. Solche Zustände gibt es heute nicht mehr – auch dank besserer Umweltstandards. Allerdings lassen sich durchaus noch Schäden an Bäumen finden. Doch sie unterscheiden sich von Baumart zu Baumart.
Um welche Schäden handelt es sich?
Die seit 1984 zusätzlich zur Bundeswaldinventur durchgeführte Waldzustandserhebung – eine jährliche Erhebung von umweltbedingten Schäden – zeigt immer wieder, dass die Baumkronen in weiten Gebieten erheblich „verlichtet” sind. Das heißt, es gibt einen sichtbaren Nadel- oder Blattverlust in der Krone. Zwar kann es für den einzelnen Baum eine gesunde Anpassungsreaktion sein, bei Trockenheit als Schutz vor übermäßiger Verdunstung seine Belaubung zu reduzieren. Doch das vielerorts festgestellte Ausmaß der Kronenverlichtung scheint ein Anzeichen von Stress zu sein. Vor allem die alten Laubbäume sind betroffen. Manchen Baumarten haben Schädlinge spürbar zugesetzt – auch das ist zurzeit ein Thema. Fest steht aber auch: Obwohl die Nachfrage nach Nutz- und Brennholz erheblich gestiegen ist, wächst in unseren Wäldern weiterhin mehr Holz nach, als entnommen wird.
Wie läuft eine Waldinventur eigentlich ab?
Natürlich kann man nicht alle Bäume im Wald zählen, vermessen und bei jedem die relevanten Daten erfassen. Wir nehmen deshalb Stichproben – jeweils ein Baum von etwa 50 000. Von den rund 400 000 ausgewählten Bäumen werden Durchmesser und Baumart bestimmt sowie viele weitere Merkmale erhoben, beispielsweise die Schäden am Stamm und der Anteil an Totholz sowie dessen Zersetzungsgrad. Auch der Zustand der Waldränder, die Bodenvegetation, die horizontale und vertikale Struktur des Waldes, Geländemerkmale und Wildverbiss werden dokumentiert.
Worauf wird dabei besonders geachtet?
Das Inventurverfahren sowie die Mess- und Navigationstechniken stellen sicher, dass die laufende Erfassung auf genau denselben Flächen stattfindet wie die Vorgängerinventuren. So können wir feststellen, wie sich diese Areale seit der ersten Erhebung vor 25 Jahren verändert haben. Wichtig ist übrigens, dass die genauen Positionen unserer bundesweit insgesamt 60 000 Probepunkte den Waldbesitzern nicht bekannt sind. Der Wald soll dort schließlich ganz normal behandelt werden – wir wollen ja von der Stichprobe auf die Gesamtheit der Wälder schließen.
Wie viele Parameter erfassen Sie im Zuge der Inventur?
Wir erfassen mehr als 250 Merkmale. Zudem können für die Bundesländer etwa 40 landesspezifische Merkmale gespeichert werden. Wir werten die Daten dann nach mehreren Hundert Zielmerkmalen aus und bekommen Aussagen etwa zur Waldfläche, zum Holzvorrat oder zum Holzzuwachs. Bei der letzten Waldinventur zeigte sich zum Beispiel, dass in Bayern der Holzvorrat besonders groß ist, dass Hessen im Durchschnitt die ältesten Wälder hat und dass mehr als 60 Prozent aller Tannen in Baden-Württemberg stehen. Alle Ergebnisse sind abgelegt in einer öffentlich zugänglichen Internet-Datenbank, die inzwischen umfangreicher ist als die Datenbank mit den reinen Erhebungsdaten.
Beeinflussen die Ergebnisse der Waldinventur die nationale Forstpolitik?
Als vor einigen Jahren die Entscheidung anstand, ob zur Erfüllung der Klimaziele des Kyoto-Protokolls in Deutschland die Waldbewirtschaftung als Kohlenstoffspeicher angerechnet werden soll – Länder können neben der Verringerung von Treibhausgas-Emissionen auch Aufforstungen und Bewirtschaftungsmaßnahmen wie Feuerschutz und verringertes Pflügen anrechnen lassen –, waren die Daten eine wichtige Grundlage. Man hat sich dann für die Anrechnung entschieden. Ein anderes Beispiel: Die letzte Bundeswaldinventur zeigte, dass es ungenutzte Holzressourcen in nennenswertem Umfang gibt, insbesondere in kleinen Wäldern in Privatbesitz. Die Holzindustrie hat darauf reagiert und umfangreiche Investitionen getätigt. Wichtig ist auch die vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) im November 2011 verabschiedete „Waldstrategie 2020″. Darin geht es um die Bewältigung diverser Ziel- und Interessenkonflikte rund um den Wald: Wie kann eine nachhaltige Nutzung aussehen, wenn der Wald bewirtschaftet wird, aber auch Rückzugsort für seltene Tiere und Pflanzen sein soll und auch noch Raum für Erholungssuchende bieten soll? Mit Zahlen zum potenziellen Rohholzaufkommen, zur Vielfalt der Baumarten, zum Vorkommen von Totholz und zu Schutzgebieten im Wald konnten wir viele Informationen zur Unterfütterung der Diskussion liefern.
Das klingt alles sehr positiv. Ist der Kampf gegen das Waldsterben gewonnen?
Da gibt es zwei Meinungen. Einerseits weist die als Frühwarnsystem für Umweltschäden gedachte jährliche Waldzustandserfassung heute mehr Kronenverlichtungen aus als in den 1980er-Jahren. So gesehen gibt es keinen Grund zur Entwarnung. Anderseits zeigt die Bundeswaldinventur, dass der Holzvorrat in den Wäldern stetig gestiegen ist und dass der Holzzuwachs auf einem unerwartet hohen Niveau liegt. Das ist ein Zeichen für Vitalität. Ich deute das so, dass die natürlichen Regulationsmechanismen noch funktionieren und zusammen mit forstlichen Maßnahmen wie der Bodenschutzkalkung, der Schädlingsbekämpfung, Waldbrandvorsorge und Wildabwehr den Wald stabilisiert haben. Die Frage ist aber, wie viel zusätzlichen Stress durch den Klimawandel der Wald noch verkraftet.
Stichwort Klimawandel: Macht die zunehmende Trockenheit dem Wald zu schaffen?
Wir wissen, dass die Bäume mehrere Jahre benötigen, um sich von den Belastungen in Trockenjahren zu erholen, etwa in 2003, als es einen Jahrhundertsommer gab. Deshalb wird es kritisch, wenn mehrere trockene Jahre aufeinander folgen. Dann können die geschwächten Bäume Borkenkäfern, blattfressenden Insekten und anderen Schädlingen sowie Pilzen zum Opfer fallen. Das müssen wir genau im Auge behalten.
Welche Entwicklungen haben die Inventuren der vergangenen Jahre ans Licht gebracht?
Die letzte Sondererhebung im Jahr 2008 ließ durchaus positive Trends erkennen: Es gibt mehr und mehr Laubbäume, mehr alte Bäume und mehr ökologisch wertvolles Totholz. Und obwohl viel Holz geschlagen wurde, ist der Holzvorrat im Wald weiter gestiegen, denn der Zuwachs an Holz ist nach wie vor hoch.
Gilt das für alle Holzarten?
Ein Sonderfall ist die Fichte, bislang immerhin der wichtigste Holzlieferant hierzulande. Die Flächen, auf denen diese Baumart steht, werden weniger und kleiner, und der Abgang durch Holzeinschlag und natürliche Prozesse ist größer als der Nachwuchs. Gründe für diese Negativbilanz sind die große industrielle Nachfrage und auch massive Sturmschäden, die hier nachwirken. Darüber hinaus sehen die derzeitigen Waldbauprogramme vor, Fichten und andere Nadelbäume wieder mehr auf ihr natürliches Verbreitungsgebiet zu beschränken – das heißt: weniger Fichten und Kiefern pflanzen zugunsten von mehr Laubbäumen, insbesondere Buchen.
Und wie könnte die Zukunft des deutschen Waldes aussehen?
Eine Entwicklung für die nächsten Jahrzehnte zeichnet sich ziemlich klar ab. Die zahlreichen aus den Aufforstungen nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangenen Nadelwälder sind gegenwärtig etwa 50 Jahre alt. Sie befinden sich jetzt in der Phase stärksten Wachstums. Das heißt auch: In den nächsten Jahrzehnten wird der durchschnittliche Holzuwachs unabhängig von ökologischen und klimatischen Einflüssen nach und nach abnehmen. Gleichzeitig werden diese Bäume zunehmend wirtschaftlich nutzbar sein. Das kann bei entsprechender Nachfrage dazu führen, dass die Holzvorräte im Wald nicht mehr weiter steigen, sondern im Gegenteil vielleicht sogar abnehmen. ■
Das Interview führte Christian Jung Heino Polley Der stellvertretende Leiter (*1957) des Thünen-Instituts für Waldökosysteme in Eberswalde koordiniert seit 1992 mit seiner Arbeitsgruppe die Bundeswaldinventur. Seit Abschluss seines Studiums der Forstwissenschaften an der Technischen Universität Dresden 1983 arbeitet er in der Wissenschaft und fokussiert sich auf die Themen Waldentwicklung und Holzaufkommensmodellierung auf der Basis umfangreicher Datenbestände, wie sie etwa die Bundeswaldinventur liefert. Seine Arbeit zielt darauf ab, wissenschaftliche Grundlagen für gesellschaftspolitische Entscheidungen zum Wald zu schaffen.
Bundeswaldinventur
Die Bundeswaldinventur ist ein gesetzlicher Auftrag, der in Paragraph 41a des Bundeswaldgesetzes festgelegt ist. Die Bundesregierung benötigt die Daten, um auf Basis einer robusten Stichprobe belastbare forst-, handels-, umwelt- und nicht zuletzt gesellschaftspolitische Entscheidungen treffen zu können. Erforderlich sind die Daten auch für internationale Berichte, wie sie etwa das Kyoto-Protokoll, die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen und die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union fordern. Darüber hinaus sind viele Wissenschaftler an den Informationen interessiert. Die ermittelten Daten werden einheitlich strukturiert abgelegt, um sie filtern und regionalisieren zu können. Aus den unmittelbar erhobenen Angaben können zahlreiche zusätzliche Informationen abgeleitet und berechnet werden, zum Beispiel Baumvolumina und Grundflächen, die Eigentumsart bestimmter Waldflächen, der Holzvorrat eines Waldes in Privatbesitz, unterschieden nach Baumart oder Altersklasse. Veröffentlicht werden die Daten und Berichte im Internet (siehe „Mehr zum Thema” auf Seite 35) und teilweise in gedruckten Bänden. Aktuell läuft die dritte Bundeswaldinventur, deren Daten Ende 2014 komplettiert, überprüft und ausgewertet sein sollen.
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