Schon im Ei können Baby-Haie Gefahr wittern und auch darauf reagieren: Nähert sich ein Räuber, halten sie buchstäblich den Atem an und stellen jegliche Bewegung ein. Das hat jetzt ein australisches Forscherteam entdeckt. Durch das plötzliche Erstarren verringern die ansonsten hilflosen kleinen Haie vermutlich das Risiko, von einem hungrigen Hai oder Rochen entdeckt zu werden, interpretieren die Wissenschaftler dieses Verhalten. Ein Test, ob die Überlebensrate der Mini-Fische dadurch tatsächlich steigt, steht allerdings noch aus.
Es gibt Hai-Arten, bei denen sich der ungeborene Nachwuchs keine Sorgen um herannahende Räuber machen muss: Sicher geborgen im Körper ihrer Mutter wachsen die jungen Haie bei diesen Spezies heran, bis sie auf sich allein gestellt überlebensfähig sind. Andere Arten setzen bei der Fortpflanzung dagegen auf das klassische Eierlegen. Hier haben es die Kleinen weniger gut: Sie müssen sich außerhalb des mütterlichen Körpers entwickeln, lediglich geschützt durch eine lederartige Eikapsel. Sehen können sie nichts, und flüchten geht erst recht nicht.
Schreckensstarre in der Nähe elektrischer Felder
Doch auch diese Hai-Babys haben eine Strategie entwickelt, mit der sie das Risiko des Gefressenwerdens wohl zumindest reduzieren davon sind Ryan Kempster von der University of Western Australia und seine Kollegen nach ihrer aktuellen Studie überzeugt. Sie hatten Embryonen des Braungebänderten Bambushais im Labor in verschiedenen Entwicklungsstadien beobachtet und eine interessante Entdeckung gemacht: Ab einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Entwicklung scheinen die Kleinen das elektrische Feld eines sich nähernden Räubers wahrnehmen zu können. Simuliert man ein solches Feld nämlich, hören die Babys sofort auf, ihre Kiemen zu bewegen, legen den Schwanz vorsichtig um den Körper und stellen danach jegliche Bewegung ein. Je stärker das Feld ist, desto länger halten die Mini-Haie dabei ohne Frischwasserzufuhr durch.
Ein solches Verhalten erscheint außerordentlich sinnvoll, wenn man sich vor Augen führt, was während der etwa fünf Monate dauernden Wachstumsphase im Ei mit den kleinen Haien passiert. Zu Beginn der Entwicklung ist die Eikapsel noch hermetisch von der Umwelt abgeschnitten es findet kein Wasseraustausch statt. Da die Hülle zudem vollkommen undurchsichtig ist, sind die jungen Haie vergleichsweise gut versteckt: Ein potenzieller Räuber kann sie weder sehen noch riechen noch über feine, von ihnen hervorgerufene Strömungen aufspüren.
Der sechste Sinn als Alarmsystem
Je weiter die Embryonen jedoch heranwachsen, desto schwächer wird der untere Bereich der Eikapsel. Irgendwann bilden sich darin schließlich Öffnungen, die das Einströmen von frischem Wasser erlauben. Etwas später beginnen die Bewohner der Eier zudem, mit dem Schwanz Wellenbewegungen auszuführen, um den Wasseraustausch zu erleichtern. Jetzt wird es kritisch für die Kleinen: Zwar sind sie immer noch nicht zu sehen, sie können aber über den Geruch des ausgestoßenen Wassers oder die Wellen, die sie erzeugen, leicht ausfindig gemacht werden.
Praktischerweise entwickelt sich etwa zur gleichen Zeit der sogenannte sechste Sinn der Haie: ein Sinnesorgan aus verschiedenen porenartigen Öffnungen am Kopf, mit dem sie elektrische Felder detektieren können, die von anderen Fischen oder auch Schnecken erzeugt werden. Nehmen die Kleinen ein solches Feld wahr, ist die einzige Möglichkeit, einer Entdeckung zu entgehen, das vollständige Erstarren so wie es auch die Forscher beobachtet haben. “Survival of the Stillest”, haben Kempster und seine Kollegen folgerichtig ihren Artikel augenzwinkernd und etwas voreilig überschrieben. Denn ob die Kleinen tatsächlich besser überleben, wenn sie still halten, wissen die Forscher noch gar nicht: Alle ihre Versuche fanden ausschließlich in Aquarien im Labor und mit simulierten “Räubern” in Form von künstlich erzeugten elektrischen Feldern statt.
Ryan Kempster (University of Western Australia, Crawley) et al.: PLoS one, doi: 10.1371/journal.pone.0052551 © wissenschaft.de Ilka Lehnen-Beyel





