„Es gibt ein Leben vor dem Tsunami und eines danach”, stellt Seismologe Winfried Hanka vom Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam fest. Vor einem Jahr, als viele Europäer die Weihnachtstage für einen Trip in die Wärme nutzten, zog die mörderische Welle durch den Indischen Ozean und tötete mehr als 220 000 Menschen. Küstenbewohner, Fischer und Touristen starben, darunter 550 Deutsche. In Indonesien radierte die Wasserwucht ganze Städte aus, in Thailand gingen Traumstrände mitsamt Hotels unter. Bis nach Ostafrika reichte die Spur der Verwüstung. Es wird Jahre dauern, bis die Wunden verheilt sind. Die Infrastruktur wiederherstellen, traumatische Erlebnisse verarbeiten, neue Häuser bauen, dem Leben wieder einen Platz geben – das braucht Zeit.
Was hat sich bisher getan? Und was haben Helfer aus der extremen Katastrophe gelernt? Fast unglaublich war die große Hilfsbereitschaft: Allein das Deutsche Rote Kreuz (DRK) sammelte 125 Millionen Euro an Spenden ein, fast so viel wie nach der Jahrhundertflut an der Elbe und hundertmal so viel wie für die Hungernden im Sudan. Die Deutschen spendeten mehr als 500 Millionen Euro, die US-Amerikaner sogar mehr als eine Milliarde Dollar. Die Regierungen gaben jeweils fast dieselbe Summe noch einmal dazu. Insgesamt kamen an privater und staatlicher Hilfe rund 10 Milliarden Dollar zusammen.
Doch nicht immer landete das Geld an der richtigen Stelle. In den ersten Tagen „waren Flugplätze und Lagerhäuser mit ungeeigneten Hilfsgütern blockiert”, heißt es im gerade veröffentlichten Weltkatastrophenbericht des Internationalen Roten Kreuzes. Und auf indischen Straßen häuften sich Altkleider, die niemand tragen wollte. Immer wieder versäumten die Hilfsorganisationen sich abzustimmen. Kein Wunder, reisten doch allein nach Sri Lanka Mitarbeiter von rund 1200 Nicht-Regierungs-Organisationen – mit durchaus eigenen Interessen. „Die wollen lieber Waisenhäuser bauen als Latrinen”, schimpft DRK-Sprecher Fredrik Barkenhammar. In manchen Orten gab es zeitweise mehr Helfer als Opfer, beschreibt ein Insider das Chaos der ersten Tage.
Immerhin hat die rasche Hilfe verhindert, dass Menschen an Seuchen oder anderen Folgen der Katastrophe starben, wie Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul Ende September lobte. Die meisten Überlebenden hatten schon bald sauberes Wasser, Nahrung, medizinische Versorgung und ein – zumindest provisorisches – Dach über dem Kopf. Allerdings war es falsch, in der indonesischen Provinz Aceh Tausende Tote in rasch ausgehobenen Massengräbern zu verscharren. Die Angst vor Seuchen war unbegründet, wie sich später herausstellte, die Leichen hätten keine Krankheiten verbreitet. Heute würde man den Überlebenden das zusätzliche Leid ersparen und den traditionellen Umgang mit den Toten achten.
Wer davongekommen ist, hat ohnehin genug Probleme. Alpträume, Schuldgefühle und Angstattacken quälen bis heute viele Menschen. Mütter klagen sich an, weil sie ihre Kinder nicht retten konnten. Kinder verweigern die Schule, weil sie ihre Eltern keine Sekunde aus den Augen lassen wollen. Und viele frühere Fischer wagen sich nicht mehr aufs Meer hinaus. Niemand weiß, wie viele Menschen traumatisiert sind. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass von den rund fünf Millionen Betroffenen die Hälfte psychische Schäden erlitten hat, die ohne Behandlung rund ein Jahr andauern. Bei fünf bis zehn Prozent sind die Beschwerden noch ernster und langwieriger. Und ein bis zwei Prozent, also 50 000 bis 100 000 Menschen, leiden nach dieser Schätzung unter schweren Depressionen oder Psychosen.
Ein Heer von Psychiatern, ausgesandt von zahllosen Hilfsorganisationen, soll helfen. Viele von ihnen fühlen sich allerdings wenig willkommen. Denn in Entwicklungsländern ist die professionelle Aufarbeitung seelischer Störungen weitgehend unbekannt. Dort sprechen viele nicht einmal mit den Nachbarn über ihre Angst und Verzweiflung. In Sri Lanka praktizierten vor der Todeswelle gerade 41 Psychiater, einschließlich der Hochschullehrer, in Aceh überhaupt keiner. Wie die importierte Seelenhilfe dort ankommt, ist unter Experten umstritten. Kritiker wie der Psychiater Derek Summerfield vom Londoner Maudsley Hospital befürchten, dass die mitgebrachten Therapien nur bedingt greifen, weil sie vom westlichen Menschenbild ausgehen. Die gesamte Psychiatrie sei auf die Menschen in den Industrienationen mit ihren speziellen Problemen zugeschnitten. Doch die meisten Hilfsorganisationen sehen in der Hilfe eine Chance für den Aufbau einer – dringend benötigten – eigenen psychiatrischen Versorgung dieser Länder.
Noch leben viele Tsunami-Flüchtlinge in provisorischen Unterkünften oder bei Verwandten. Bürokratische Hürden, ungeklärte Eigentumsfragen oder fehlendes Baumaterial verzögern die nötigen Bauarbeiten. In Indonesien werden die letzten Opfer erst in zwei Jahren ihre Zelte verlassen können, fürchtet Kuntoro Manykusubroto, der für den Wiederaufbau zuständig ist. Geld ist noch da, denn der größte Teil der Spenden wurde bislang nicht ausgegeben. Auch der Tourismus, das ökologische Standbein einiger der zerstörten Regionen, hat den Schock noch nicht überwunden. Im thailändischen Phuket ist die Zahl der Touristen um 40 Prozent zurückgegangen, vier Linien fliegen das Ziel seit Juni nicht mehr an. Auf den Malediven fehlen noch immer 10 Prozent der Gäste, obwohl sich die Branche nach einem drastischen Einbruch im Januar und Februar langsam wieder erholt.
Die wichtigste Lehre aus der Katastrophe ist, dass die Menschen künftig vor einer Killerflut rechtzeitig gewarnt werden müssen. Die meisten Opfer könnten noch leben, wenn sie vom Strand und den tief gelegenen Küstenabschnitt geflohen wären. Doch „für ein Frühwarnsystem hätte man vorher keinen Pfennig bekommen”, sagt der führende deutsche Katastrophenforscher Jochen Zschau vom GFZ. Erst das ungeheure Leid hat für die Gefahr sensibilisiert und die Mittel frei gesetzt, um sogar im Mittelmeer und im Atlantik Warnanlagen zu installieren. Mehr noch: „ Mega-Katastrophen” – Ereignisse, die nur äußerst selten sind, aber ungeheuren Schaden anrichten – sind nun verstärkt ins Blickfeld der Wissenschaft geraten. Dazu zählen auch riesige Bergrutsche und Meteoritentreffer. Auf einer Frühwarnkonferenz, die im März in Bonn stattfindet, werden Experten über mögliche Abwehrstrategien beraten.
Für die Sicherheit der Küstenbewohner am Indischen Ozean soll bald ein Frühwarnsystem made in Germany sorgen, für dessen Bau der Bund 45 Millionen Euro bereitgestellt hat. Es lässt sich, wenn alles nach Plan läuft, auch für Vulkanbeobachtungen, Sturmwarnungen und Klimaaufzeichnungen nutzen. Obendrein soll es zuverlässiger arbeiten als sein Pendant, das seit Jahrzehnten im Pazifik Dienst tut.
Das sind ehrgeizige Ziele. Bislang stecken die Arbeiten noch in der Aufbau- und Erprobungsphase. Von den geplanten 40 Breitband-Seismometern sind erst zwei installiert, einer davon im feuchten Küstenschwemmland von Sumatra – im „reinsten Sumpf”, wie der zuständige GFZ-Seismologe Winfried Hanka meint. Da half nur eine völlig neue Konstruktion mit einer wasserdichten Plastiktonne.
Die Daten der Erdbebenstationen werden bei einem „Schlag” zur Zentrale in der indonesischen Hauptstadt Jakarta übermittelt, die außerdem Informationen von fremden Stationen sammelt. Innerhalb von drei Minuten, so die hochgesteckte Vorgabe, soll der Rechner die Stärke eines Erdbebens bestimmen und den Herd lokalisieren. Außerdem soll er ermitteln, was sich am Ozeanboden tat – vor allem, ob sich Gesteinspakete gehoben oder gesenkt haben. Denn ohne einen solchen starken Anstoß kann der Wasserkörper nicht gefährlich aufwallen. Bisher schaffen die Seismologen die Berechnungen nicht in der angepeilten Zeit. „Hier gibt es noch Forschungsbedarf”, räumt Hanka ein.
Und: Seismometer alleine genügen nicht, um Alarm schlagen zu können. Sie sind zu unzuverlässig und würden oft Fehlalarm auslösen. Man muss zusätzlich auf dem offenen Meer nach verräterischen Wellen Ausschau halten. Zehn Bojen sollen diese Aufgabe übernehmen – wahre Multitalente, wenn sie wie erhofft funktionieren. Mit zwei unabhängigen Methoden sollen sie die Wellenhöhe ermitteln: mit einem Drucksensor am Meeresgrund und mit einem GPS-Gerät an der Wasseroberfläche. Außerdem sind sie mit diversen Wetterbeobachtungsinstrumenten bestückt sowie mit einem Seismometer, das den Ozeanboden abhorcht.
Diese Bojen sind das wichtigste Glied der Warnkette – und das sensibelste. Der Drucksensor, der auf dem Tiefseeboden ruht, misst den auflastenden Wasserkörper bis auf einen Millimeter genau. Natürlich registriert er auch Ebbe und Flut, Sturmwellen und Gewitterfronten. Ein integrierter Rechner muss aus dem Info-Salat jede Tsunami-Welle fischen, auch wenn sie nur fünf Zentimeter misst. Das geht nicht ohne Probelauf. Ende letzten Jahres haben Mitarbeiter der zuständigen Hamburger Firma Send zehn solcher Sensoren vor Indonesien versenkt, um sie zu eichen. Der „Tsunami-Trigger-Algorithmus” musste angepasst werden, damit er nicht bei jedem Tiefdruckgebiet Alarm schlägt.
Sobald der Drucksensor am Ozeanboden einen Tsunami aufspürt, soll er seine brisanten Daten zur Boje hinaufschicken, die sie über einen Satelliten an die Zentrale funkt. Hier rechnen Experten mit den größten Problemen. Wie bringt man die Informationen vom Meeresboden zur Wasseroberfläche? „Ein Kabel scheidet aus, weil die sich drehende Boje jede Leitung kappen würde”, sagt Projektleiter und Send-Sprecher Klaus Schleisiek. Die Entscheidung fiel für eine drahtlose Übertragung mit Ultraschallsignalen, ähnlich wie sie Wale nutzen. Ob das funktioniert, wird sich erst in den nächsten Monaten bei einem Testlauf zeigen. Die amerikanische Wetterbehörde NOAA hat es selbst nach einem Jahrzehnt Forschung nicht geschafft, ein solches System für ihre Zwecke zu installieren. Bei schönem Wetter klappt die Verbindung zwar ausgezeichnet, doch Regentropfen, Sturm und Wellen stören den Unterwasserempfang.
Auch in der Zentrale wartet noch Arbeit. Dort wird berechnet, welchen Verlauf die Welle nehmen wird und wann sie an den jeweiligen Orten zuschlägt. Das Simulationsprogramm benötigt ein exaktes Tiefsee-Relief, denn die Geschwindigkeit eines Tsunamis hängt allein von der Wassertiefe ab. Derzeit tasten Forschungsschiffe deshalb mit Fächer-Echoloten den Meeresboden minutiös ab. Die Datenfülle macht die Simulation zu einer langwierigen Rechnung. Um die Menschen auf Sumatra zu warnen, bliebe im Notfall aber vermutlich kaum Zeit – Weihnachten 2004 wären es nicht einmal 15 Minuten gewesen. Das Simulations-Team rechnet deshalb schon vorab einige Szenarien durch, auf die das Programm im Ernstfall zurückgreifen kann.
Für die Verbreitung der Warnung sollen dann Handys sorgen – und Lautsprecher auf Moscheen, mit denen der Muezzin sonst zum Gebet ruft. Das Rote Kreuz hat zusätzlich Megaphone verteilt, um auch abgelegene Strände rasch räumen zu können. Noch in diesem Jahr soll das Frühwarnsystem in einer reduzierten Version funktionieren. Bis es komplett installiert ist, werden weitere vier Jahre vergehen. Auch dann gibt es noch genug zu tun. Die Bojen müssen ein bis zwei Mal im Jahr gewartet werden: Batterien müssen gewechselt, der tropische Bewuchs entfernt und defekte Teile erneuert werden. Und es gibt noch ein Problem: Diebe werden vermutlich Solarpaneele und anderes Hightech-Inventar stehlen, wie die Erfahrung zeigt.
Der Aufwand ist nötig: „Wir rechnen in den nächsten Jahren bis Jahrzehnten mit einem weiteren starken Beben”, befürchtet Christoph Gaedecke von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Als Leiter eines umfangreichen Projekts geht er der Gefahr nach. Die riesige Bruchfläche des Weihnachtsbebens mit der Magnitude 9,3 endete im Süden abrupt. Dort konzentrierte sich dann die Spannung und entlud sich tatsächlich nur drei Monate später, am 28. März, bei einem weiteren starken Beben – zum Glück ohne Tsunami. Die Gefahrenzone rückte damit noch weiter in den Süden: „Vor Zentralsumatra baut sich derzeit Spannung auf” , warnt Gaedecke. Im März wird er es genauer wissen. Dann wird er 25 Seismometer vom Meeresboden heben, wo sie ein halbes Jahr lang die Nachbebentätigkeit erspürt und aufgezeichnet haben. ■
KLAUS JACOB, ständiger bdw-Autor, hat Indonesien selbst mehrere Monate lang erkundet – vor der Katastrophe.
Klaus Jacob
COMMUNITY Fernsehen
Das Wissensmagazin „nano” hat eine Tsunami-Reportage produziert. Erstausstrahlung ist in 3Sat am Donnerstag, den 22. Dezember, um 18.30 Uhr. Wiederholungstermine und mehr bei: www.3sat.de/nano
Internet
Das Tsunami-Frühwarnsystem TEWS:
www.bmbf.de/de/2402.php
Ohne Titel
• Nach dem verheerenden Tsunami Ende 2004 sind noch längst nicht alle Schäden behoben und die Wunden verheilt.
• Doch die Hilfsbereitschaft war groß: Weltweit wurden rund zehn Milliarden Dollar bereitgestellt.
• Das deutsche Frühwarnsystem soll noch in diesem Jahr einsatzbereit sein.





