Klar war bisher, dass die Amöben die Darmschleimhaut angreifen und im Laufe der Zeit zerstören. Man nahm aber an, dass die Parasiten dabei zuerst die Zellen durch Gift abtöten und dann ihre Überreste in sich aufnehmen. Ralston und ihre Kollegen haben dies nun überprüft – indem sie die Parasiten erstmals live beim Fressen beobachteten. Sie gaben dazu Entamoeba histolytica zu Zellkulturen mit menschlichen Schleimhautzellen und filmten mit einem Spezialmikroskop, was geschah. “Überraschenderweise stellten wir fest, dass die Amöbe unmittelbar nach Kontakt mit der menschlichen Zelle begann, Teile ihrer Membran in sich aufzunehmen”, berichten die Forscher. Im Rahmen dieser sogenannte Troglocytose bissen die Amöben nach und nach richtige Stücke aus der lebenden Zelle heraus und nahmen sie in sich auf.
Biss für Biss zum Zelltod
Und noch etwas beobachteten die Wissenschaftler: Hatte eine Amöbe einmal ein Stück Zelle verschlungen, schien dies ihren Hunger nach mehr sogar noch anzustacheln. Für die Schleimhautzellen ist dies fatal: Werden ihnen nur wenige Teile der Membran herausgebissen, könne sie dies noch kompensieren: “Die Verdauung von nur einem Fragment reicht nicht aus, um sie zu töten”, erklären die Forscher. Aber wie die Versuche zeigten, gibt es dabei eine Toleranzschwelle. Wird diese überschritten, weil die Amöben zu oft zugebissen haben, stirbt die Zelle ab. Ist eine Zelle aber schon tot, dann wird sie von den Amöben sogar verschmäht, wie Ansätze mit zuvor abgetöteten Schleimhautzellen ergaben.
Nach Ansicht von Ralston und ihren Kollegen deutet dies darauf hin, dass es den Amöben nicht ums Fressen geht, wenn sie die Zellen angreifen. Stattdessen dienen die Bakterien der Darmflora vermutlich als Hauptnahrungsquelle – dies erklärt auch, warum die Amöbenruhr bei einigen Menschen lange ohne Symptome verläuft: Die Amöben fressen und vermehren sich in dieser Zeit im Darm, ohne dessen Wände anzugreifen. Der Angriff auf die Schleimhaut könnte stattdessen eine simple Maßnahme sein, um Barrieren aus dem Weg zu schaffen. “Die Troglocytose senkt die Gewebedichte und schafft den Amöben Raum für ihre Migration”, so die Forscher. Gleichzeitig könnte das Aufnehmen von Zellstücken den Parasiten dabei helfen, ihre Umwelt zu prüfen.
Die neuen Erkenntnisse werfen nicht nur ein neues Licht auf das ungewöhnliche Verhalten der krankmachenden Amöben. Sie liefern auch neue Ansatzstellen für eine Behandlung der Amöbenruhr. Denn in ihren Versuchen fanden die Forscher auch zwei Substanzen, die die Beisslust der Amöben hemmten. “Die Behandlung mit Wortmannin oder Cytochalasin D blockierte die Gewebeinvasion der Amöben”, berichten sie. Verfolgt man dieser Strategie weiter, könnte auf dieser Basis ein neuer Wirkstoff gegen die Infektion entwickelt werden. Für viele Bewohner armer Regionen der Tropen wäre das eine gute Nachricht – vorausgesetzt sie hätten eine Chance, diesen Wirkstoff dann zu erhalten.





