Der Europäische Feldhamster (Cricetus cricetus) war lange ein Profiteur der Landwirtschaft. Der ursprünglich in den Steppen Osteuropas beheimatete Nager zog mit der Ausbreitung der Landwirtschaft westwärts und passte sich perfekt an das Leben im Acker an. Während seiner aktiven Phase vom April bis Oktober frisst der Hamster sich nicht nur ein Fettpolster an, er sammelt auch große Mengen an Körnern und Samen für magere Tage. Bis zu fünf Kilogramm Futter kann ein Hamster in seinem unterirdischen Bau lagern. In den letzten Jahrzehnten jedoch wird das Futter für den Nager immer knapper. Frühere Erntezeiten, Monokulturen, fehlende Hecken und Feldränder und der Pestizideinsatz machen es dem Hamster schwer, genügend Nahrung für sich und seine Jungen zu finden. “Besonders bedroht ist der Hamster durch die Ausbreitung der Weizen- und Mais-Monokulturen in Westeuropa”, erklären Mathilde Tissier und ihre Kollegen von der Universität Straßburg. Ob dies nur an einem Futtermangel nach der Ernte liegt, oder ob auch die Eintönigkeit der Nahrung eine Rolle spielt, haben sie nun näher untersucht.
In ihren Experimenten fütterten die Forscher weibliche Hamster vom Aufwachen aus dem Winterschlaf bis zur Geburt ihrer Jungen mit beliebig viel Weizen oder Mais. Zusätzlich erhielten die Nager pro Tag entweder fünf Gramm Regenwürmer oder aber fünf Gramm Klee. Alle Futtervarianten enthielten etwa gleich viele Nährstoffe und Kalorien. Nachdem die Jungen geboren waren, beobachteten die Forscher das Verhalten der Hamstermütter und wogen Mütter und Nachwuchs regelmäßig und bestimmten nach Ende der Säugeperiode, wie viele Jungen überlebt hatten.
Kindsmord im Hamsterbau
Zunächst zeigten sich keine auffälligen Unterschiede: Alle Hamsterweibchen trugen ihre Jungen aus und brachten etwa gleichviel Nachwuchs zur Welt, wie die Wissenschaftler berichten. Dann jedoch geschah Überraschendes: Während die mit Weizen ernährten Hamster ihre Jungen wie üblich in Nester legten und regelmäßig säugten, war dies bei den mit Mais ernährten Hamstermüttern nicht der Fall. Sie ließen ihre neugeborenen Jungen oft wahllos im Käfig verteilt liegen und kümmerten sich nicht um sie. Im Gegenteil: “Die Hamsterweibchen platzierten die Jungen auf ihrem angesammelten Haufen von Maiskörnern und fraßen sie dann auf”, berichten Tissier und ihre Kollegen. Weniger als zwölf Prozent der Jungen überlebten bei den mit Mais gefütterten Hamstern, bei den mit Weizen gefütterten Nagern waren es mehr als 80 Prozent. “Diese Beobachtungen sprechen dafür, dass das mütterliche Verhalten bei diesen Tieren unterdrückt wird und dass sie stattdessen ihren Nachwuchs irrigerweise als Futter wahrnehmen”, erklären die Forscher. Auch die Hamsterjungen verhielten sich auffällig. Bei denen, die die ersten Lebenstage überlebten, gab es mehrere Fälle von Geschwistermord. Das aber schien seltsamerweise nur bei maislastigem Futter das Fall – obwohl die Weizenvariante die gleichen Nährstoffwerte aufwies.





