In ihren Experimenten fütterten die Forscher weibliche Hamster vom Aufwachen aus dem Winterschlaf bis zur Geburt ihrer Jungen mit beliebig viel Weizen oder Mais. Zusätzlich erhielten die Nager pro Tag entweder fünf Gramm Regenwürmer oder aber fünf Gramm Klee. Alle Futtervarianten enthielten etwa gleich viele Nährstoffe und Kalorien. Nachdem die Jungen geboren waren, beobachteten die Forscher das Verhalten der Hamstermütter und wogen Mütter und Nachwuchs regelmäßig und bestimmten nach Ende der Säugeperiode, wie viele Jungen überlebt hatten.
Kindsmord im Hamsterbau
Zunächst zeigten sich keine auffälligen Unterschiede: Alle Hamsterweibchen trugen ihre Jungen aus und brachten etwa gleichviel Nachwuchs zur Welt, wie die Wissenschaftler berichten. Dann jedoch geschah Überraschendes: Während die mit Weizen ernährten Hamster ihre Jungen wie üblich in Nester legten und regelmäßig säugten, war dies bei den mit Mais ernährten Hamstermüttern nicht der Fall. Sie ließen ihre neugeborenen Jungen oft wahllos im Käfig verteilt liegen und kümmerten sich nicht um sie. Im Gegenteil: “Die Hamsterweibchen platzierten die Jungen auf ihrem angesammelten Haufen von Maiskörnern und fraßen sie dann auf”, berichten Tissier und ihre Kollegen. Weniger als zwölf Prozent der Jungen überlebten bei den mit Mais gefütterten Hamstern, bei den mit Weizen gefütterten Nagern waren es mehr als 80 Prozent. “Diese Beobachtungen sprechen dafür, dass das mütterliche Verhalten bei diesen Tieren unterdrückt wird und dass sie stattdessen ihren Nachwuchs irrigerweise als Futter wahrnehmen”, erklären die Forscher. Auch die Hamsterjungen verhielten sich auffällig. Bei denen, die die ersten Lebenstage überlebten, gab es mehrere Fälle von Geschwistermord. Das aber schien seltsamerweise nur bei maislastigem Futter das Fall – obwohl die Weizenvariante die gleichen Nährstoffwerte aufwies.
Der Verdacht der Forscher: Möglicherweise liegt es an Spurenelementen im Futter und im Speziellen dem Vitamin B3 (Niacin) und seiner Vorstufe Tryptophan. Denn von Mais ist bekannt, dass er sehr wenig biologisch verwertbare Anteile dieser essenziellen Vitamine enthält. Bekannt ist aber auch, dass eine Mangelversorgung mit diesem Vitamin verheerende Folgen haben kann. Es können schwere Verdauungsstörungen, Hautveränderungen, aber auch psychische Veränderungen bis hin zur Demenz auftreten, ein Symptomkomplex der als Pellagra bezeichnet wird. “Von 1735 bis 1940 führte eine einseitig maisbasierte Ernährung dazu, dass in Nordamerika und Europa drei Millionen Menschen an Pellagra erkrankten und starben”, berichten Tissier und ihre Kollegen. “Der Mangel an Tryptophan und Vitamin B3 wird zudem in Verbindung gebracht mit erhöhten Mordraten, Selbstmorden und Kannibalismus beim Menschen.” Könnte das ungewöhnliche Verhalten der Hamsterweibchen im Versuch ebenfalls auf eine Art Pellagra zurückgehen?





