Text: Ralf Stork
Millingerwaard, kurz hinter der deutsch-niederländischen Grenze. Es hat stundenlang geregnet. Das Naturschutzgebiet am Ufer des Rheins, der sich hier in die beiden Mündungsarme Waal und Lek teilt, ist nass wie ein Schwamm. Bis in die späten 1980er Jahre wurde die Fläche noch landwirtschaftlich genutzt. Dann setzte eine Entwicklung ein, die das Gebiet wieder mehr und mehr zu einer echten Wildnis werden ließ: Man trug einige Deiche ab und der Fluss bekam einen Teil seiner Überschwemmungsflächen zurück, was die Deiche stromabwärts entlastet. Auch die natürliche Dynamik stellte sich wieder ein: Tiefer gelegene Flächen sind im Laufe der Jahreszeiten teilweise monatelang überflutet. Irgendwann kamen dann die Weidetiere.
„Am Anfang haben wir auf einer Fläche von zehn Hektar Rinder und Pferde weiden lassen“, sagt Bart Beekers. Er arbeitet für „ARK Nature“, eine Naturschutzorganisation, die das Gebiet am Fluss seit 1991 gemeinsam mit der staatlichen Forstverwaltung betreut. Und große Pflanzenfresser gehören zu einer natürlichen Landschaft nun mal dazu.
Wie ein Puzzle, bei dem sich ein Teil ins andere fügt, ist das Schutzgebiet nach und nach gewachsen. Mittlerweile streifen 120 Galloway-Rinder und widerstandsfähige Konik-Pferde in einem rund 700 Hektar großen Gebiet umher, das ganz und gar nicht wie eine normale Weide aussieht: Eine Schar von mehr als 100 Kormoranen erhebt sich mit nassen, schweren Flügeln von einem Flussarm und lässt sich ein paar Hundert Meter weiter wieder ins Wasser fallen. Biber und Fischotter leben hier, es gibt Dachse, aber auch seltene Libellen wie die Asiatische Keiljungfer, viele Schmetterlinge und Heuschrecken. Und auch Vögel wie der Neuntöter, die sich von großen Insekten ernähren, sind an die renaturierte Flussaue zurückgekehrt.
In der Aue liegen die Knochen
Wege gibt es dagegen kaum noch. Wer die Fläche erkunden will, muss einem der Trampelpfade folgen. Oder sich selbst einen trampeln. So ist es ganz schön mühsam, durch das kniehohe, regennasse Gestrüpp zu stapfen. Zumal Beekers eine bestimmte Stelle sucht. Und so ganz ohne Weg die Orientierung zu behalten, ist nicht leicht. Schließlich aber ist es geschafft. Beekers hält an einer Lichtung im Wald an, die bei näherem Hinsehen wie der Tatort eines Fernsehkrimis aussieht.
Unter den Blättern, halb schon im morastigen Boden versunken, liegt ein ziemlich großer, ziemlich gelber Knochenhaufen. Wirbel, Rippen und Haare sind gut zu erkennen. Die Knochen glänzen feucht im Regen. Aus den Zwischenräumen der Wirbel wachsen Pilze – genau wie auf einigen Haarbüscheln. An einigen Knochen scheinen Tiere mit unterschiedlich großen, spitzen Zähnen genagt zu haben. Aber es riecht nur nach modrigem Waldboden. Kein Hauch von Fäulnis und Verwesung liegt in der Luft.





