Zunächst erschien dies nicht sonderlich auffällig. Von vielen Oktopusarten ist bekannt, dass die Weibchen nur ein einziges Mal in ihrem Leben einen Satz Eier legen. Bei Graneledone haben diese jeweils die Größe einer kleinen Olive. Diese Eier werden von der Mutter intensiv umsorgt: Sie fächelt ihnen frisches Wasser zu, damit die sich in der Eihülle entwickelnden Jungen genügend Sauerstoff erhalten. Gleichzeitig bleibt sie ständig in der Nähe, um zu verhindern, dass andere Tiefseebewohner die Eier wegfressen. Für die Oktopus-Weibchen ist das Betreuen ihres Geleges daher ein Fulltime-Job. Doch zum großen Erstaunen der Forscher schien die Brutphase gar kein Ende zu nehmen: Während der nächsten viereinhalb Jahre besuchten sie per Tauchroboter noch 18 Mal den Canyon – und jedes Mal saß auch die Oktopusmutter mit ihren Eiern noch dort.
Viereinhalb Jahre Brüten
Im Laufe der Jahre konnten die Biologen erkennen, wie die Jungtiere in der Eihülle immer größer wurden. Gleichzeitig begann das Weibchen deutliche Spuren der Erschöpfung und des Verfalls zu zeigen: Sie verlor Gewicht und ihre Haut wurde immer loser und blasser. Doch trotz ihres offenkundig ausgehungerten Zustands sah man sie nie fressen, wie die Forscher berichten. Sie zeigte nicht einmal dann Interesse, wenn ihr ein Krebs direkt vor den Armen vorbeischwamm. Dann, im September 2011 war das Oktopus-Weibchen plötzlich verschwunden. Auf dem Felsvorsprung, auf dem sie gesessen hatte, fanden sich nur noch die verstreuten Reste von leeren Eikapseln. Offenbar waren die Jungen endlich geschlüpft. Aus den Relikten ermittelten die Biologen, dass es rund 160 Jungtiere gewesen sein müssen. Das Weibchen aber starb vermutlich kurz nach dem Schlupf der Jungen. “Das Schicksal eines brütenden Oktopus-Weibchens ist unausweichlich der Tod”, erklären die Forscher.
Das Schicksal dieses Tiefsee-Oktopus aber ist eine echte Besonderheit. Denn eine so lange Brutphase wie in diesem Fall wurde zuvor noch bei keinem anderen Tier beobachtet – weder im Meer noch an Land. Noch erstaunlicher ist die Tatsache, dass ausgerechnet ein Oktopus viereinhalb Jahre lang seine Junge betreut. Denn die meisten im Flachwasser häufigen Krakenarten leben gerade einmal ein bis zwei Jahre, wie Robison und seine Kollegen erklären. “Die Beobachtung einer so langen Brutpflege bedeutet daher auch, dass diese Tiefsee-Oktopusse die normale Lebenserwartung der Kopffüßer weit übertreffen”, so die Forscher. Diese extreme Anpassung und das Opfer des Weibchens haben biologisch gesehen aber durchaus einen Sinn: Durch ihre lange Brutzeit sind die Jungen von Graneledone boreopacifica bei ihrem Schlupf extrem weit entwickelt und können sofort selbst Beute jagen. Das verschafft ihnen einen großen Überlebensvorteil, wie die Biologen erklären. Sie halten es durchaus für möglich, dass es noch andere Bewohner der Tiefsee gibt, die ebenfalls ungewöhnlich lange brüten, um ihren Jungen diesen Startvorteil zu geben.





