Feine Drähte im Gehirn
Hoffnung für vermeintlich therapieresistente Patienten gibt nun ein neuer Ansatz: die tiefe Hirnstimulation. Bei diesem Verfahren werden feine Elektroden in das Gehirn eingepflanzt, die dann gezielt bestimmte Hirnareale mit schwachen elektrischen Impulsen reizen. Bei Parkinson-Patienten beispielsweise führt dies dazu, dass Bewegungsstörungen nachlassen und auch Patienten mit schweren Depressionen konnte in ersten Studien auf diese Weise geholfen werden. Nach Ansicht von Forschern könnten Magersüchtige ebenfalls von der Methode profitieren, weil sich ihre Störung auch im Gehirn erkennen lässt: Bereiche, die für die Verarbeitung von Körperbildern zuständig sind, weisen bei den Betroffenen zum Teil eine geringere Zelldichte auf. Zudem sind sie funktionell schwächer verbunden als bei Gesunden und kommunizieren demnach weniger gut miteinander. Bestimmte Areale sprechen bei ihnen außerdem anders auf Botenstoffe wie das Glückshormon Serotonin an.
Einer solchen Hirnregion haben sich nun Wissenschaftler um Nir Lipsman vom Sunnybrook Health Sciences Centre in Kanada gewidmet. Im Rahmen einer kleinen Pilotstudie stimulierten sie die sogenannte Area subcallosa im Gyrus cinguli, einem Teil des limbischen Systems. Insgesamt 16 an schwerer Anorexie erkrankte Frauen zwischen 21 und 57 Jahren bekamen für diesen Zweck Elektroden ins Gehirn implantiert. Die Patientinnen litten im Schnitt bereits seit 18 Jahren an Magersucht – und keine gängige Therapie hatte ihnen bislang helfen können. Für die Untersuchung wurden die Probandinnen ein Jahr lang mit der tiefen Hirnstimulation behandelt. Die Elektroden gaben in dieser Zeit alle 90 Sekunden einen elektrischen Puls von 5 bis 6.5 Volt ab. Die Forscher wollten wissen, ob die Methode sicher anzuwenden ist und wie sie sich auf das Gewicht, die Stimmung und das allgemeine Wohlbefinden der Betroffenen auswirkt. Zum Schluss der Therapiemaßnahme überprüften sie außerdem, ob sich die Gehirnaktivität der Probandinnen verändert hatte.
Messbare Besserung
Das Ergebnis: Die Elektroden konnten bei allen Teilnehmerinnen zwar erfolgreich implantiert werden. Allerdings klagten manche Patientinnen über Schmerzen, zwei von ihnen brachen die Studie vorzeitig ab. Bei den verbleibenden 14 Probandinnen zeigte sich die Behandlung jedoch erstaunlich wirkungsvoll. So verbesserte sich bereits kurz nach der Operation die mentale Gesundheit der Magersüchtigen deutlich und sie berichteten von einer gesteigerten Lebensqualität. Zehn Teilnehmerinnen hatten dank der Behandlung mit weniger depressiven Symptomen zu kämpfen, bei immerhin fünf Patientinnen gingen die für die Erkrankung typischen Angstzustände zurück.
Rund drei Monate nach Beginn der Therapie zeigten sich auch erste körperliche Effekte: Die Patientinnen begannen, wieder zuzunehmen. Insgesamt stieg der durchschnittliche Body-Mass-Index (BMI) der Gruppe im Laufe des Studienjahres um 3,5 Punkte auf 17,3 an. Sechs der Teilnehmerinnen erreichten sogar einen normalen BMI von 18,5 oder mehr. Die Verbesserungen spiegelten sich auch im Gehirn wider: Die Wissenschaftler stellten deutliche Veränderungen in etlichen mit Anorexie assoziierten Regionen fest – unter anderem ging die Aktivität im Thalamus zurück, in den peripheren Bereichen des Kortex stieg sie. Dies zeige, dass die tiefe Hirnstimulation direkten Einfluss auf die Schaltkreise gehabt habe, die bei der Entstehung von Magersucht eine Rolle spielen, so die Forscher. “Die tiefe Hirnstimulation wirkt sich damit genau auf jene Faktoren aus, die die Erkrankung aufrechterhalten und sie so schwer therapierbar machen”, sagt Lipsman.





