Es gibt aber einen Tiefseekalmar, der in keines der bisher bekannten Schemata passt. “G rimalditeuthis bonplandi ist einzigartig unter allen zehnarmigen Kopffüßern”, erklären Henk-Jan Hoving vom Monterey Bay Aquarium Research Institute in Moss Landing und seine Kollegen. Denn dieser Kalmar besitzt extrem dünne und zerbrechliche Tentakel, die an den Enden seltsamerweise weder Saugnäpfe, Haken noch Leuchtzellen tragen. Die Anhängsel der Zehnfüßer sind sogar so fragil, dass bisher nur ein einziges Exemplar dieser Tierart gefunden wurde, das wenigstens noch eines seiner beiden Tentakel besaß, wie die Forscher berichten. Und noch etwas kommt hinzu: Untersuchungen dieses Exemplars legten nahe, dass der Kalmar zu allem Überfluss seine Tentakel nicht einmal aktiv ausstrecken oder zurückziehen kann. Er scheint keine Muskeln zu besitzen, die ihre Bewegung aktiv steuern. Unter anderem deshalb war bisher vollkommen rätselhaft, was der Kalmar mit diesen Tentakeln macht und wozu sie gut sind.
Tauchroboter auf der Pirsch
Um das Rätsel der scheinbar nutzlosen Tentakel von Grimalditeuthis bonplandi zu lösen, schickten Hoving und seine Kollegen einen ferngesteuerten Tauchroboter auf die Pirsch. Diesen steuerten sie unter anderem durch den Untersee-Canyon, der bei Monterey vor der kalifornischen Küste liegt und durch die Tiefsee im Golf von Mexico. An beiden Orten wurden sie fündig: Im Golf von Mexico gelang es dem Roboter, in 914 bis 1.981 Metern Wassertiefe gleich sechs Exemplare von G. bonplandi in ihrem natürlichen Lebensraum zu filmen. Im Monterey Canyon fing der Roboter dank einer speziellen Saugvorrichtung sogar ein Exemplar dieses Kalmars ein und brachte ihn an die Oberfläche. Den Forschern lieferten sowohl die Videoaufnahmen als auch das gefangene Exemplar erstmals die Gelegenheit, das Verhalten dieser Tiere genauer zu studieren – und das Rätsel der Tentakel aufzuklären.
“Als wir zu Gesicht bekamen, schwebten alle Kalmare dieser Art im Wasser auf der Stelle und hielten ihre Position, indem sie leicht mit ihren Flossen wedelten”, berichten die Forscher. Dann wurde es interessant: Die Kalmare begannen nun, mit den lappigen Erweiterungen ihrer Tentakelenden wellenartig vor und zurück zu wedeln. Dadurch bewegten sich diese Enden wie kleine Fische vorwärts und zogen dabei den Rest des dünnen Tentakels mit. Auf diese Weise schafften es die Tiere, diese Fortsätze auszustrecken, obwohl sie keinerlei Muskeln im Tentakelstil besitzen. Einmal ausgestreckt, wedelten die Kalmare weiter mit den Tentakelenden – um Beute anzulocken, wie die Wissenschaftler vermuten. Denn die wellenartigen und schlagenden Bewegungen dieser Enden ähneln denen schwimmender Kleintiere wie Fischen, Krebsen oder Würmern.





