Fast 50 Jahre lang schaffte es die Protonentherapie gegen Krebs nicht aus den Physiklabors hinaus. Dabei liegen die Erfolgsaussichten bei bestimmten Krebsarten doppelt so hoch wie bei der heute üblichen Bestrahlung. Doch erst in jüngster Zeit gelang es allen voran Schweizer Wissenschaftlern, immer kleinere Teilchenbeschleuniger für Protonen zu bauen. Gerade mal so groß wie ein Doppelbett halten die Geräte samt der neuartigen Behandlungsmethode gegen Tumoren nun Einzug in Krankenhäuser und Kliniken. Im nächsten Jahr wird das erste Protonentherapiezentrum Europas in München öffnen.
Eigentlich sind sie die Werkzeuge von Physikern: Protonen, winzige geladene Teilchen. In der Forschung werden sie in teils kilometerlangen Beschleunigern auf hohe Geschwindigkeiten gebracht und kollidieren dann mit anderen Teilchen. Doch schon vor gut fünfzig Jahren wurde beobachtet, dass sich die Partikel auch in den Dienst der Gesundheit stellen lassen: Mit beschleunigten Protonen kann Krebs behandelt werden. Trotz der Aufsehen erregenden Entdeckung blieb diese Form der Krebstherapie eine Nischenanwendung, weil dafür bisher monströse Teilchenbeschleuniger nötig waren, die nur in einigen Großforschungseinrichtungen zu finden sind. Doch das soll sich nun ändern.
Im kommenden Jahr wird in München die erste kommerzielle Protonenklinik Europas mit vier Geräten für die Protonentherapie öffnen. Jährlich sollen 3.000 bis 4.000 Patienten nach der Methode behandelt werden. In Amerika sind bereits zwei ähnliche, kommerzielle Anlagen in Betrieb. In China und Südkorea werden zur Zeit insgesamt drei errichtet. Für die kommenden Jahre sind weitere Projekte in mehreren Ländern, darunter auch Italien, Österreich und Frankreich geplant.
Bei den Geräten für die künftige Münchner Klinik handelt es sich jedoch keineswegs um riesige Beschleuniger, sondern um überschaubare Medizingeräte. “Wir haben diese Geräte zusammen mit der Firma Accel in Bergisch Gladbach und der Michigan State University speziell für die Krebsbehandlung entwickelt. Sie haben einen Durchmesser von nur noch 3,2 Metern”, berichtet Martin Jermann, Programmleiter der Protonentherapie vom Paul-Scherrer-Institut (PSI) in Villigen in der Schweiz. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es einen ähnlich kompakten Beschleuniger für Protonen. Auch die bereits bestehenden Anlagen in Amerika sind mehr als dreimal so groß.
“Außerdem ist unser Gerät frei drehbar, so dass der Tumor dreidimensional von allen Seiten abgetastet werden kann”, fügt Jermann hinzu. Auch das ist bei einem herkömmlichen Teilchenbeschleunigern nicht möglich. Hier müsste sich dafür der Patient ständig drehen, während die Testpersonen am PSI ruhen oder liegen können.
Seit 1984 wurden an dem Schweizer Institut etwa 4000 Patienten mit Augentumoren behandelt. Nach mehr als fünf Jahren wuchs bei über 98 Prozent der behandelten Personen kein Tumor mehr. Auch andere Krebsarten wie Prostata- und Hirntumoren konnten bereits mithilfe der Protonen geheilt werden. “Die Ergebnisse sind sehr vielversprechend, und wenn wir die Daten aus den USA einbeziehen, zeigt sich, dass für bestimmte Tumoren im Vergleich zur üblichen Therapie teilweise mehr als doppelt so hohe Erfolgsraten möglich sind”, berichtet Jermann der Nachrichtenagentur ddp.
Der Erfolg der Protonenstrahlen gegenüber der konventionellen Bestrahlung erklärt sich über die unterschiedliche Wirkung beider Methoden. Bei der herkömmlichen Therapie werden Photonen, also energiereiche Lichtteilchen, auf den Tumor geschossen. Diese entfalten schon ungefähr zwei Zentimeter unter der Haut ihre größte Wirkung. Bis zum eigentlichen Tumor verebbt ihre Kraft, insbesondere, wenn dieser nicht direkt unter der Oberfläche liegt. Andererseits geben die Teilchen im Gewebe hinter dem Tumor noch Energie ab, wodurch gesundes Gewebe unnötig in Mitleidenschaft gezogen wird.
Nicht so bei der Protonentherapie: Sie hat ihre größte Wirkung dort, wo die Teilchen stoppen. Mit der richtigen Geschwindigkeit kann man sie genau im Krebsgewebe zum Stillstand kommen lassen. Auf der “Einflugschneise” hinterlassen sie dabei kaum Spuren. “Mit Protonen wird das umliegende gesunde Gewebe kaum geschädigt”, berichtet Jermann.
Noch lassen sich nicht alle Tumoren mit der Protonentherapie behandeln. Ein Lungenkrebs beispielsweise bewegt sich mit dem Pulsieren der Lunge, deshalb lässt sich der Protonenstrahl nur schlecht darauf fokussieren. “Das ist eines der zentralen Forschungsgebiete für die nächsten fünf Jahre”, so Jermann. Bis dahin werden an der Münchner Klinik vorwiegend Augentumoren behandelt werden.
ddp/bdw Susanne Donner





