Krank durch Arzneimittel was sich zunächst paradox anhört, ist für etwa 1,4 bis 1,5 Millionen Menschen in Deutschland Realität: Sie sind süchtig nach Medikamenten. Vor allem Frauen und ältere Menschen sind davon betroffen. 16 Prozent der Deutschen zwischen 50 bis 59 Jahren fühlen sich laut einer Studie des Instituts für Therapieforschung ohne Medikamente als “halber Mensch”. Etwa 11 Prozent der befragten Frauen erklärten, dass sie nicht wissen, wie sie den Tag ohne Medikamente überstehen sollten. Die gesundheitlichen Folgen können erheblich sein: Die Europäische Gesellschaft für Dialyse schätzt, dass bis zu 25 Prozent aller Dialysepatienten ihre Niere durch zu viele Schmerzmittel geschädigt haben.
Eigentlich sollten Medikamente bestimmte Erkrankungen heilen, doch viele Patienten nehmen die Mittel auch noch ein, wenn die ursprünglichen Beschwerden schon abgeklungen sind. Ein typischer Fall: Eine Patientin klagt bei ihrem Hausarzt über Schlafprobleme und bekommt ein Schlafmittel verschrieben. Sie nimmt es regelmäßig ein und langsam wird es zur Gewohnheit. Mit den eigentlichen Problemen, die zu ihren Schlafstörungen führten, setzt sie sich nicht auseinander. Als das Päckchen leer ist, ruft sie einfach beim Arzt an und erklärt, dass sie ein neues Rezept braucht. So beginnt der Medikamentenmissbrauch. Der Übergang zur Sucht kann unmerklich geschehen: Die meisten Betroffenen brauchen die Medikamente bald dringend für ihr körperliches und psychisches Wohlbefinden. Setzen sie das Medikament ab, haben sie Entzugserscheinungen.
“Viele Ärzte verschreiben süchtig machende Arzneimittel länger, als es eigentlich nötig wäre”, sagt Christa Merfert-Diete von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) im Gespräch mit ddp. Der in vielen Schlaf- und Beruhigungsmitteln enthaltene Wirkstoff Benzodiazepin macht jedoch beispielsweise schon nach sechs bis acht Wochen abhängig. Daher ist es wichtig, dass Ärzte die Gefahr der Abhängigkeit erkennen und diese im Patientengespräch und bei der Verschreibung von Medikamenten berücksichtigen.
Um Abhängigkeiten nicht zu unterstützen, sei es sehr wichtig, beispielsweise in der Familie oder im Bekanntenkreis keine Medikamente untereinander weiterzugeben, die abhängig machen können, betont Merfert-Diete. Diese Arzneimittel sollten nur unter ärztlicher Kontrolle eingenommen werden.
Weitere Beispiele für Medikamente mit Suchtpotenzial sind die Schmerzmittel. Einstiegsdroge für Abhängige sind meistens die nicht verschreibungspflichtigen Schmerzmittel. Viele Migränepatienten nehmen sie dauerhaft ein und entwickeln laut der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft einen Dauerkopfschmerz, den sie durch die Einnahme weiterer Pillen bekämpfen. Auch die Anregungsmittel, so genannte Psychostimulanzien, zu denen viele Appetitzügler und Schlankheitsmittel gehören, machen abhängig. Gefährlich ist, dass sie neben ihrer euphorisierenden Wirkung wichtige Körpersignale wie Hunger, Durst und Müdigkeit unterdrücken.
Alkoholiker verrät oft eine Fahne, Medikamentenabhängige sind schwerer zu erkennen. Viele sind sich ihrer Abhängigkeit gar nicht bewusst. Ein Warnzeichen für Freunde und die Familie ist es, wenn die Betroffenen in unangemessenen Situationen unaufmerksam und fahrig reagieren. Selbstreflexion anhand von Fragen wie “Kennen auch Sie den schnellen Griff zur Tablette, um sich wieder ins seelische Gleichgewicht zu bringen?” oder “Gehen auch Sie nicht ohne ihr Medikament aus dem Haus?”, die auch im Internet zu finden sind, kann helfen, die eigene Abhängigkeit oder die von Angehörigen festzustellen.
Wollen enge Freunde und Familienmitglieder den Abhängigen helfen, rät Merfert-Diete, zunächst die eigenen Motive zu überprüfen: “Weshalb will ich die Person ansprechen?”, sollten sich die Helfenden fragen. Das kann zum Beispiel die Sorge um einen engen Familienangehörigen sein oder um die Nachbarin, die den Weg zum Einkauf nicht mehr bewältigt. Ist der Helfende sich darüber im klaren, kann er vorsichtig an den Betroffenen herantreten. Am besten schildert er dabei seine Sorge und Befürchtung und verweist auf das Gespräch mit einem Fachmann. Auf keinen Fall sollten Vorwürfe gemacht werden.
Die erste Anlaufstelle für Medikamentenabhängige sind die Suchtberatungsstellen. Hier können die Betroffenen ihre Probleme schildern. Die Berater werden nachfragen, wie lange und in welcher Dosis die Medikamente eingenommen wurden, um die Situation des Betroffenen einschätzen zu können. Sie weisen dann an entsprechend spezialisierte Ärzte und an Spezialkliniken weiter.
Typischerweise läuft eine Entzugstherapie langsam ausschleichend ab. Das bedeutet, dass ein Entzugsplan aufgestellt wird, nach dem die Dosis der entsprechenden Medikamente langsam gesenkt wird. Das ist wichtig, da Medikamente wie Schlaf- und Beruhigungsmittel bei einem abrupten Absetzen ohne ärztliche Begleitung zu starken Entzugserscheinungen führen können. Eine parallel dazu stattfindende Psychotherapie kann helfen, die alltagspraktischen Probleme zu lösen.
ddp/wissenschaft.de Eva Maria Marquart





