Süchtige Väter – suchtanfällige Nachkommen
Ob es eine solche epigenetische Weitergabe der Suchtneigung gibt, haben die Forscher in Versuchen mit Ratten näher untersucht. Dafür erhielten männliche Ratten zunächst vier Stunden am Tag die Möglichkeit, sich über einen Hebel selbst Kokain zu verabreichen. Nach einigen Tagen zeigten sich bei den Tieren klare Unterschiede: Einige nutzten die Kokainpumpe nur wenig und auch ihr Kokainkonsum nahm im Laufe der Zeit nicht zu – ein Hinweis darauf, dass diese Ratten keine Sucht entwickelten, wie die Forscher erklären. Andere Ratten dagegen demonstrierten klassisches Suchtverhalten: Sie verabreichten sich die Droge, wann immer sie die Gelegenheit hatten und die von ihnen konsumierte Dosis nahm im Laufe der Zeit zu.
Um herauszufinden, ob dieses Verhalten sich auf die Nachkommen dieser Rattenmännchen übertragen würde, durften sich die Männchen aus beiden Gruppen paaren und zeugten Nachwuchs. Wurde dieser nun ebenfalls dem Test auf Suchtverhalten unterzogen, zeigten sowohl die Kinder als auch die Enkel der “süchtigen” Rattenmännchen ebenfalls ausgeprägte Suchttendenzen. Das allein verriet jedoch noch nicht, auf welche Weise die Ratten ihre Suchtneigung an ihre Nachkommen weitergaben – ob genetisch oder epigenetisch. Um das zu testen, variierten die Forscher ihr Experiment: Alle Rattenmännchen durften sich paaren, bevor sie erstmals in Kontakt mit der Droge kamen. Erst dann wurden sie der Kokainversuchung ausgesetzt und damit auch der Sucht. Wäre die Suchtneigung rein genetisch bedingt, müsste die Suchtneigung bei Vätern und Nachkommen ähnlich hoch sein – egal, ob die Rattenmännchen vor der Zeugung schon in Kontakt mit Kokain gekommen waren oder nicht. Doch der Suchttest bei den Ratten ergab etwas Anderes: Die Kinder der später süchtig gewordenen Rattenväter zeigten genauso viel oder wenig Lust auf Kokain wie die Nachkommen der nichtsüchtigen Väter. Nach Ansicht der Forscher spricht dies dafür, dass die Neigung zur Kokainsucht ein erworbenes Merkmal ist, das aber dennoch an folgende Generationen weitergegeben wird.
Veränderungen am Epigenom
Doch wie erfolgt diese Vererbung? Um das zu klären, analysierten die Wissenschaftler das Erbgut und die epigenetischen Anlagerungen an der DNA der Ratten. Dabei zeigte sich: Sowohl in den Spermien als auch in den Gehirnzellen der Tiere gab es auffallende epigenetische Unterschiede zwischen süchtigen Ratten und ihren Nachkommen gegenüber den nichtsüchtigen Artgenossen. Bei den Rattenvätern waren mehr als 1000 Methylgruppen an der DNA verändert, bei den Nachkommen noch gut 500, wie die Forscher berichten. Diese Anlagerungen am Erbgut konzentrierten sich unter anderem an Genen, die den Hirnstoffwechsel im Belohnungssystem der Tiere regulierten. Zusätzliche Tests belegten, dass dies die Genaktivität in den für das Suchtverhalten wichtigen Schaltkreisen beeinflusste.





