Weniger graue, mehr weiße Zellen
Für ihre Studie setzten die Forscher Ratten eine Woche lang erhöhtem Stress aus, indem sie sie drei Stunden lang jeden Tag in einen engen Plastikbehälter steckten. Diese hinderten die Tiere an der freien Bewegung und lösten so die Ausschüttung von Stresshormonen aus. Anschließend untersuchten die Forscher, wie viele neue Neuronen und wie viele Hüllzellen im Hippocampus der Ratten gebildet worden waren. Dabei zeigte sich: Der Stress bewirkte eine Verschiebung im Gleichgewicht der neuproduzierten Zellen: Die Zahl der neuen Hirnzellen nahm ab, dafür nahmen die Hüllzellen zu. Und während die Produktion von Neuronen nach einiger Zeit der stressfreien Erholung wieder Fahrt aufnahm, blieb die Hüllzellproduktion bei den Ratten dauerhaft anormal hoch. Ähnliches beobachteten die Wissenschaftler auch, wenn sie normal gehaltenen Ratten einen Woche lang eine moderate Dosis von Stresshormonen spritzten.
Auch bei Menschen mit Stresserfahrungen könnte diese stressbedingte Verschiebung sehr gut der Grund für die anhaltenden Probleme sein, glauben die Forscher. Denn der Hippocampus ist ein für Gedächtnis und mentale Gesundheit wichtiges Zentrum unseres Denkorgans. “Wenn dort dauerhaft zu viele Hüllzellen gebildet werden, dann kann dies die geistigen Leistungen auf zweierlei Weise stören”, erklären Chetty und ihre Kollegen: Zum einen verschiebt sich das Gleichgewicht von Neuronen und Hüllzellen. Zum andern aber wirken die Hüllzellen hemmend auf das Wachstum neuer Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen. Das stört das Gedächtnis und Lernen, macht aber auch anfälliger gegenüber psychischen Erkrankungen.
Die Studie unterstreicht damit erneut, dass Stress keine Lappalie ist und vor allem seine Langzeitfolgen nicht zu unterschätzen sind. Sie macht aber auch Hoffnung: Denn in der Zellkultur haben die Forscher bereits eine Möglichkeit getestet, dieses stressbedingte Umschalten der Zellbildung zu verhindern. Das könnte vielleicht künftig Möglichkeiten eröffnen, Menschen nach einer traumatischen Erfahrung gezielter helfen zu können und vor allem ihr Risiko für eine psychische Erkrankung zu senken, so jedenfalls die Hoffnung der Wissenschaftler.





