Jedes Jahr machen sich im Winter Störche von ihren Brutplätzen in Europa auf, um in wärmere Gefilde zu fliegen. Dabei legen sie je nach Route teilweise mehrere tausend Kilometer zurück. Die sogenannten Westzieher, die unter anderem im Südwesten Deutschlands oder in den Niederlanden brüten, fliegen traditionell über Marokko weiter nach Süden und überqueren dabei das mehr als 1000 Kilometer breite Wüstengebiet der Sahara. Vögel aus Ländern wie Dänemark oder Polen nehmen dagegen die Ostroute. Diese führt die Tiere über den Bosporus, Israel und den Golf von Suez nach Ost- und Südafrika. Doch Wissenschaftler haben festgestellt, dass die Störche inzwischen immer öfter von diesen traditionellen Fernreisen abweichen. Statt in die afrikanischen Überwinterungsgebiete zu ziehen, kürzen manche Vögel die Strecke ab – und verbringen den Winter zum Beispiel in Spanien. Zum einen finden sie auf den dortigen Müllhalden ausreichend Nahrung, zum anderen sparen sie durch den kürzeren Flug wertvolle Energie. Welche Faktoren aber beeinflussen, wie weit die Störche jeweils ziehen?
Leitvögel fliegen voran
Um das herauszufinden, haben Andrea Flack vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell und ihre Kollegen 27 junge Weißstörche auf ihrer ersten Reise vom Bodensee gen Süden begleitet. Mithilfe von GPS-Sendern verfolgten sie dabei, welcher Route die Jungtiere folgten. Außerdem verrieten ihnen Beschleunigungsmesser ganz genau, ob und wie sich die Vögel in der Luft bewegten. Die Auswertung dieser Daten zeigte: Wie sich die Störche beim Winterzug verhalten, hängt offenbar entscheidend von ihren individuellen Flugfähigkeiten ab. So stellten die Forscher fest, dass es in den Reisegruppen der Störche Leitvögel gibt. Diese Tiere zeichnen sich durch besonders effiziente Flugtechniken aus und führen die Gruppe zu Regionen mit günstiger Thermik. Dort befördert aufsteigende Warmluft die Vögel fast automatisch in die Höhe und ermöglicht ihnen die Fortbewegung im energiesparenden Segelflug.
“Die Leitvögel sind die, die die Thermikgebiete ausfindig machen und die geeignetsten Regionen innerhalb der Thermik suchen. Deshalb müssen sie ihre Bahnen immer wieder anpassen”, berichtet Mitautor Máté Nagy von der Universität Konstanz. Die nachfolgenden Tiere profitieren dann von den Erfahrungen der Vorflieger und können sich in regelmäßigen Bahnen nach oben schrauben. Vielen Folgetieren gelingt dies allerdings nicht so perfekt wie den Leitvögeln: “Sie sind etwas langsamer und verlieren schneller an Höhe. Um nicht den Anschluss an die Gruppe zu verlieren, müssen sie mehr mit den Flügeln schlagen und die Aufwindsäule verlassen, noch bevor sie oben angekommen sind”, sagt Nagy. Von der Flugleistung des einzelnen Storchs hängt aber nicht nur seine Position innerhalb der Reisegruppe ab: Wie lange ein Vogel im Segelflug dahingleiten kann, beeinflusst offenbar auch, wo er den Winter verbringen wird. So zeigten die Daten: Tiere, die viel mit den Flügeln schlagen, fliegen weniger weit als solche, die die Thermik besser ausnutzen können.





