Städtische Gebiete breiten sich immer weiter aus und zwingen Wildtiere zur Anpassung an ein urbanes Leben. Das hat sogar Auswirkungen auf ihr Aussehen: Immer wieder wird beobachtet, dass städtische Tiere ein blasseres Fell oder Gefieder im Vergleich zu ihren Verwandten in ländlichen Gebieten haben. Doch bei diesen Sichtungen handelt es sich meist um Einzelfälle, die nur in lokal begrenzten Gebieten wissenschaftlich näher untersucht wurden.
„Urbane Blässe“ betrifft ganz Europa
Forschende um Pablo Salmón von der schwedischen Universität Lund haben das Phänomen der „urbanen Blässe“ nun erstmals europaweit untersucht, und zwar anhand von Kohlmeisen. Dafür analysierten sie Federproben von über 200 Tieren aus Göteborg, Malmö, Mailand, Madrid und Lissabon, die entweder mitten in der Stadt oder im bewaldeten Umland lebten. Und tatsächlich: In allen fünf Fällen trugen die städtischen Kohlmeisen ein deutlich blasseres gelbes Gefieder auf ihrer Brust als jene aus dem Wald.
Wie stark der Unterschied ausfiel, hing allerdings von der jeweiligen Stadt ab. So beobachteten Salmón und seine Kollegen zum Beispiel, dass die städtischen Meisen Lissabons im Vergleich zu ihren waldlebenden Artgenossen sehr stark verblasst waren. In Malmö hingegen fiel der Unterschied der Gefiederfarbe zwischen Stadt- und Waldmeisen nicht ganz so stark aus.
Carotinoid-Mangel als Ursache
Aber warum sind Stadtmeisen im Vergleich überhaupt blasser? Wie intensiv die gelbe Färbung einer Kohlmeise ausfällt, hängt stark mit ihrer Ernährung zusammen, erklären Salmón und seine Kollegen. Fressen die kleinen Singvögel viele carotinoidhaltige Insekten, färbt der Nährstoff ihr Gefieder strahlend gelb. Mangelt es in ihrer Ernährung jedoch an Carotinoiden, dann fällt auch die Federfarbe blasser aus. Ähnlich wie bei Flamingos, die ihr intensives Rosa von den Krebsen und Algen erhalten, die sie fressen.
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Vögel in der Stadt nicht die richtige Nahrung erhalten“, berichtet Salmóns Kollegin Hannah Watson. Entweder finden sie dort zu wenige Raupen und andere Insekten oder diese enthalten weniger Carotinoide. Das könnte etwa dann der Fall sein, wenn städtische Schadstoffe wie Cadmium oder Blei die Carotinoidsynthese in den Futterpflanzen der Insekten hemmen, wodurch auch diese weniger von den Nährstoffen aufnehmen können.
Doch der Carotinoid-Mangel verändert die Kohlmeisen nicht nur optisch, sondern hat wahrscheinlich auch Auswirkungen auf ihr Immunsystem, wie die Forschenden berichten. Denn normalerweise sind Carotinoide für die Vögel wichtige Antioxidantien, die ihren Körper vor den toxischen Auswirkungen der Umweltverschmutzung schützen. Weniger Carotinoide entsprechen somit einer schlechteren Immunabwehr. Doch den Stadtmeisen lässt sich womöglich auf die Sprünge helfen. „Indem wir mehr einheimische Bäume und Pflanzen in unseren Gärten und Parks pflanzen, können wir kleine Vögel wie Kohlmeisen mit einer gesunden Ernährung aus Insekten und Spinnen für sich und ihre Küken versorgen“, sagt Watson. Als Vorbild für solche Bepflanzungen könnten jene Städte aus der Studie dienen, bei denen der Farbunterschied nicht ganz so stark ausgeprägt war, zum Beispiel Malmö.





