Wo einst unberührte Wiesen, Wälder und Gewässer die Erde prägten, hat der Mensch für drastisch neue Lebensbedingungen gesorgt: Große Teile der Welt wurden in einem unterschiedlichen Ausmaß in Kulturlandschaften verwandelt. Die extremste Form stellt dabei die Stadt dar. Viele ursprüngliche Tier- und Pflanzenarten kommen mit den sehr speziellen Bedingungen in dem von Beton und Asphalt geprägten Umfeld bekanntlich nicht zurecht. In Nischen fanden bestimmte Arten allerdings doch Existenzmöglichkeiten. In manchen Fällen ist bereits bekannt, dass das Stadtleben bei diesen Spezies zu einer adaptiven Evolution geführt hat: Es gibt Hinweise auf genetisch bedingte Merkmals-Veränderungen in den urbanen Populationen.
Es handelt sich dabei um einen Prozess, der auf Auslese basiert: Wenn eine Eigenschaft, wie etwa eine Farbe oder die Bildung bestimmter Substanzen im Körpergewebe, im urbanen Umfeld vorteilhaft ist, kann ein derart ausgerüstetes Exemplar besser überleben und für mehr Nachkommen sorgen. Über Generationen hinweg kann sich das Merkmal dann im Genom der Stadtpopulation einer Art immer stärker etablieren. Bisher sind derartige Effekte allerdings nur regional in bestimmten Städten dokumentiert worden. Das internationale Wissenschaftler-Team des Forschungsprojekts „Global Urban Evolution“ (GLUE) widmet sich der Erforschung dieses Effekts nun hingegen erstmals in einem weiter gefassten Maßstab.
Stadt-Klee ist anders
Als Modell-Organismus wählten sie sich eine Pflanze, die auf der ganzen Welt verbreitet ist und sowohl auf dem Land als auch in der Stadt vorkommt: den Weißklee (Trifolium repens). Im Fokus ihrer aktuellen Studie stand dabei die Fähigkeit dieser Pflanze, Blausäure (Cyanwasserstoff) zu bilden. Die Produktion dieser Substanz basiert auf einer genetischen Grundlage, deren Vererbung sich leicht nachvollziehen lässt. Die Blausäure dient vor allem der Abschreckung von Fressfeinden, wie Schnecke, Kaninchen und Co. Die Produktion ist für die Pflanze allerdings mit Kosten verbunden – die Herstellung der Blausäure benötigt Ressourcen, die somit nicht dem Wachstum und Samenertrag dienen können. Es gibt in den Populationen des Weißklees deshalb auch Pflanzen, die gleichsam das Risiko eingehen, auf die Herstellung zu verzichten – bei ihnen ist die Veranlagung zur Blausäureproduktion inaktiviert. Dabei liegt nahe: Wenn die Bedeutung der Verteidigung schwindet, sind derart veranlagte Pflanzen zunehmend im Vorteil.
Genau dieser Trend zeichnet sich offenbar häufig bei den urbanen Klee-Populationen weltweit ab, wie aus den Ergebnissen der GLUE-Forscher hervorgeht. Die Ergebnisse basieren dabei auf Untersuchungsdaten aus 26 Ländern – inklusive Deutschlands. Wissenschaftler haben in insgesamt 160 Städten und deren Umland die genetischen Merkmale von tausenden von Weißkleepflanzen erfasst und analysiert. Wie sie berichten, deckten ihre Ergebnisse ein weitverbreitetes Muster auf: Im Vergleich zu den ländlichen Beständen weisen die urbanen Kleepopulationen in vielen Fällen besonders hohe Anteile an Pflanzen auf, die keine Blausäure mehr bilden. Dabei zeichnete sich zudem ein gradueller Effekt ab: Je stärker der Stadtcharakter eines Lebensraums ausgeprägt ist, desto seltener trägt der Klee die Veranlagung zur Herstellung der Substanz.





